Widmer-Schlumpf vs Blocher: Druck der Strasse und Druck von der Berner SVP

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Wir erinnern uns: Am 10. März 1993 besammelten sich gegen 10’000 Menschen auf dem Bundesplatz. Schon vor 7 Uhr herrschte ein reges Treiben. Trillerpfeifen und Sonnenblumen allüberall.

Im Bundeshaus wurde schliesslich Ruth Dreifuss gewählt – mit den Stimmen der bürgerlichen Parlamentarier. Christiane Brunner, eine Woche zuvor die alleinige offizielle Kandidatin der SP, hatte das Nachsehen und wurde zu einer Ikone.

Morgen könnte eine ähnliche Manifestation in Szene gehen. Pro Eveline Widmer-Schlumpf, womöglich auch gleichzeitig pro Christoph Blocher. Damit würde der Bundesplatz, der am 6. Oktober mit den Ausschreitungen gegen den SVP-Alpaufzug schon einmal im Brennpunkt stand, erneut zum Schauplatz der Nation. Und so schlösse sich auch der Kreis. Wieso? Die Veranstaltung vom 6. Oktober – für viele eine Provokation – hat der SVP zum Wahlsieg verholfen. Bloss stehen jetzt die Zeichen anders.

Eine Auswahl möglicher Szenarien:

– Widmer-Schlumpf nimmt ihre Wahl an, Blocher ist draussen, die SVP geht in die Opposition, obwohl sie bislang noch nicht ausgeführt hat, was sie darunter versteht
– die SVP spaltet sich
– die Weisheit nimmt überhand, und man arrangiert sich bei der SVP-Bundeshausfraktion mit den beiden gewählten Bundesratsmitgliedern. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass bei allen Parteien schon oft nicht die offiziellen Kandidaten das Rennen gemacht hatten. Bei der SVP beispielsweise Samuel Schmid
– Widmer-Schlumpf beugt sich dem parteiinternen Druck und lehnt ab

Gefordert ist jetzt vor allem auch die SVP des Kantons Bern. Sie, die mitgliederstärkste und traditionsreichste Sektion, muss subito entscheiden, was sie mit dem Bundesrat aus den eigenen Reihen will. Soll sie Samuel Schmid die Stange halten oder müsste er ebenfalls abtreten? Das ist die Gretchenfrage.

Dass die Berner SVP-Delegation im Nationalrat nicht gleicher Meinung ist wie die Basis der Kantonalberner SVP, ist bekannt. Auch hier droht eine Zerreissprobe. Rudolf Joder, übernehmen Sie Führungsverantwortung!

Laut SVP-Parteipräsident Ueli Maurer ist Samuel Schmid ab sofort Bundesrat ohne Fraktion im Rücken. Wie der neue Berner Ständerat Werner Luginbühl gegenüber Schweizer Radio DRS sagte, hält er weiterhin zu Samuel Schmid. 

Fotomontage: rue/espacemedia (Danke, Kollegen!)

8 Comments on “Widmer-Schlumpf vs Blocher: Druck der Strasse und Druck von der Berner SVP”

  1. Andi

    … und schon kommen die ersten Ketten-SMS (was ich als Antispam-Freak weniger cool finde, aber who cares momentan), die zu einer Demo auf dem Bundesplatz morgen früh um 7 Uhr aufrufen, um EWS zu unterstützen. In ihrer Haut möchte ich wirklich nicht stecken.

    Schon lustig, dass einen Linke einen nun auffordern, für eine SVP-Politikerin zu demonstrieren – soweit sind wir schon gekommen?!

    Was hälst Du von einer weiteren These, dass nämlich EWS ablehnt, die SVP aber Blocher aus dem Rennen nimmt und eine andere Person portiert, um halbwegs das Gesicht zu wahren?

  2. Peter Beutler

    Christoph Blocher ist abgewählt. Gut so! Unser Land ist damit anständiger geworden.

  3. Claudia

    Ein Kindergarten in Bern! Einer der sich traut zu sagen, was das Volk denkt, wird abgewählt… SP und CVP am trotzen wie die Kinder, ob das die Wählerunterstützung in der Zukunft bringt? Habe meine allergrössten Zweifel – SVP Wähler sind nachtragend!

  4. veryan

    Ich denke wir haben die blocher-frage nun sicherlich bis aus letzte ausdiskutiert! noch gestern konnte ich mich damit arrangieren, dass er wiedergewählt wird, und nun endlich dieses “gstürm” um seine person jedenfalls vorläufig ein ende findet!
    ich bin über das wahlergebniss nicht enttäuscht, im gegenteil! obwohl ich meine bedenken habe, wie durchdacht und strategisch dieser schritt der mitte-links parteien war.
    ich sehe ihn, trotz allen denkzetteln die blocher definitiv verdient hat, als direkten angriff auf seine person, den letzten (hoffentlich), der nun endlich erfolgreich war!
    daher wäre es schön alle könnten irgendwann wieder zur politik zurückkehren, die nicht auf eine person ausgerichtet ist, und mir als bürger nicht den eindruck vermittelt, dass wir schon politik wie die amerikaner betreiben!!!

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  6. Pascal Alubin

    An alle Blocheranhänger: Wer wirklich hinter der Schweizerischen Volkspartei (kurz: SVP) steht, kann Frau E. W. Schlumpf ebenso akzeptieren, wie Herrn Blocher. SVP ist doch SVP? Wo da das Problem liegt, weiß ich beim besten Willen nicht? Die Argumentation, dass 1/3 der schweizerischen Bevölkerung beschissen worden sei, ist grotesk. Wer sich nämlich mit unserem politischen System auskennt, weiß, dass es zu solchen Manövern kommen kann. Das wusste auch die SVP. Nun, die beiden Bundesräte aus der Fraktion zu verbannen, beweist einmal mehr, das es der SVP nicht um Kooperation und Kompromissbereitschaft geht, sondern vielmehr um eine diktatorische Linie, die an vorderster Front von Herrn Blocher, dem Patriarchen der SVP, angeführt wird. Da ich aber nicht Herrn Blochers Stil kritisieren will, sondern viel mehr dazu aufrufen will, sich mehr mit Politik zu beschäftigen, gelangen wir schnell zu dem Punkt, dass ein Grossteil der SVP-Wähler, sich mit einfachen und plumpen Erklärungen, Lösungen und Zukunftsvisionen abgibt. Aus diversen Gesprächen mit SVP-Wählern, wurde mir klar, dass ein Grossteil, von unserem politischen System, keinen Schimmer Ahnung hat. Blocher, als Multimillionär und studierter SVP-Politiker, blendet euch ganz schön heftig. Macht die Augen auf und erkennt, dass für komplexe Problemstellungen Sätze wie: „Wählt nur mich, dann wird alles Gut.“ einfach zu einfach sind! In dieser Leichtgläubigkeit und Verbissenheit, sehe ich nicht die Zukunft der Schweiz! Als junger, engagierter Mensch, fühle ich mich von Herrn Blocher, dem SVP-Führer im höheren Alter, nun wirklich nicht mehr vertreten. So bin ich mehr als erleichtert, dass ihm eine Strafkarte erteilt wurde.

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