Weshalb Urs Gasche, Regula Rytz und Alexander Tschäppät bereits gewählt sind

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Weshalb werden die einen Kandidierenden gewählt, während andere auf der Strecke bleiben? Diese Frage treibt Politisierende, Medienschaffende, Wissenschaftlerinnen und Kafisatzleser um. Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell, das ich 2006 entwickelte und im letzten Jahr verfeinerte, schlüsselt auf, was es für den Sprung ins eidgenössische Parlament braucht. (Das Modell wird am Ende dieses Postings als PDF aufgeführt.) Drei Beispiele aus dem Kanton Bern, die gleichsam als Prognosen zu verstehen sind.

Ausgangslage: Im Kanton Bern stehen 26 Nationalratssitze zur Verfügung. Auf Ende dieser Legislatur gibt es drei ordentliche Rücktritte zu vermelden, und zwar von Therese Frösch (Grüne), Simon Schenk (svp) und Pierre Triponez (fdp). Mit Sicherheit wird ein vierter Sitz frei: Ricardo Lumengo (ex-sp) kann sein Mandat mit der neuen Sozial-Liberalen Bewegung nicht verteidigen. Dafür müsste diese approx. 3,8 Wählerprozente erringen – ein hoffnungsloses Unterfangen.

Nebenbei: In der Berner Deputation gibt es mehrere Wackelsitze – bei der FDP, der SP und der SVP.

Urs Gasche hat die klassische Ochsentour hinter sich; sie begann 1986 als Sekretär der SVP-Sektion Fraubrunnen. Weitherum bekannt wurde er als Regierungsrat des Kantons Bern, dem er von 2001 bis 2010 angehörte. In diesem Gremium war er eine zentrale Figur, seine Stimme wurde gehört und hatte Gewicht. In seiner Funktion als Finanzdirektor und mit der mächtigsten Partei im Rücken kam niemand um Gasche herum.

Der Jurist wirkte als Regierungsrat geerdet, ruhig und souverän. Er schien stets eine gesunde Distanz zur Poltik und zu seiner Machtfülle zu haben; wichtig nahm er sich nicht. Das mag mit einem Schicksalsschlag zu tun haben, der sein Leben prägte. Mitte der Neunzigerjahre verstarb seine Gattin, mit seiner zweiten Frau hat er zwei Kinder, die derzeit im Primarschulalter sind. Der Verlust eines geliebten Menschen führt schmerzhaft vor Augen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Eigene Kinder machen pragmatisch und geben Bodenhaftung.

Urs Gasche (56) gehörte im Sommer 2008 zu den Gründungsmitgliedern der BDP. Als er ein Jahr später bekanntgab, auf Ende der Legislatur (Frühjahr 2010) aus dem Regierungsrat zurückzutreten, hätte ich gewettet, dass er sich dann auch komplett aus der Politik verabschiedet. Dass er nun für den Nationalrat kandidiert, dürfte an seinem Pflichtbewusstsein gegenüber seiner neuen Partei liegen. Sie braucht gerade in der jetzigen Phase gute und erfahrene Leute, will sie nicht schon bald wieder von der Bildfläche verschwinden.

Als kantonsweit bekannte und geschätzte Persönlichkeit kann Gasche dem Wahltag gelassen entgegenblicken. Seine Rolle als Verwaltungsratspräsident des Stromkonzerns und AKW-Mühleberg-Betreiber BKW dürfte ihm nur geringfügig schaden. Die BDP wird am 23. Oktober nicht nur die Sitze der beiden Überwechsler Ursula Haller und Hans Grunder bestätigen können, sondern noch einen, womöglich sogar zwei weitere Nationalratssitze ergattern. Gasche wird gewählt. Verzichtet die BDP auf eine Fraktionsgemeinschaft mit der CVP, kann er zur zentralen Figur werden.

Regula Rytz gehörte 1987 zu den Gründungsmitgliedern des Grünen Bündnisses (GB). In den ersten Jahren erlernte sie das politische Handwerk im Parteisekretariat und als Beraterin der damaligen Stadtberner Finanzdirektorin Therese Frösch. Von 1995 bis 2005 war sie Grossrätin, wo sie sich den Ruf einer dossiersicheren, eloquenten und klugen Politikerin erarbeitete, die auch von politischen Gegnern respektiert wurde.

Im Herbst 2004 wurde Rytz mit einem hauchdünnen Vorsprung auf Alec von Graffenried (GFL) in die Exekutive der Stadt Bern gewählt – als Nachfolgerin von Therese Frösch, für die sie ja zuvor im Hintergrund gearbeitet hatte. Den Wechsel vom kantonalen Parlament in die städtische Regierung schaffte die zierliche Frau mit Bravour. Sie ist enorm fleissig, überlegt und stets voller Energie. Und sie verfügt über Qualitäten, die man bei anderen Politikern vergeblich sucht: So hat sie einen weiten Horizont, ein echtes Interesse an den Mitmenschen und sie kann zuhören, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Während vereinzelte Parteikolleginnen stur, mit gesenktem Blick und schriller Stimme die Welt täglich verbessern wollen, setzt Regula Rytz (49) auf die Kraft des Dialogs, auf Konsens und Charme. Auf diese Weise erreicht sie bis am Ende des Tages etwas. Sie will gestalten, tut das mit Engagement, Herzblut, Pragmatismus, viel Lust und mit einem gesunden Machtbewusstsein, ohne aber eitel zu sein.

Die Konstellation für den Sprung in den Nationalrat ist ideal: Therese Frösch tritt zurück, Regula Rytz wird ihren Sitz erben. Sie kann auf eine grosse Hausmacht in den rot-grün dominierten Städten Bern und Biel zählen. Im Grossraum Thun, wo sie aufgewachsen war, betreibt sie seit Monaten einen intensiven Wahlkampf. Derart unbestritten, beliebt und gut getragen, ist ihr die Wahl nicht zu nehmen. Für die grüne Fraktion ist Rytz ein Glücksfall: Endlich jemand, der neben Bastien Girod (ZH) und Antonio Hodgers (GE) auch wirklich etwas von Verkehrs- und Energiepolitik versteht, gleichzeitig aber weiss, wie man über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeitet, ohne die politischen Gegner kopfscheu zu machen.

Alexander Tschäppät ist seit 1980 in der Politik. Er kann nicht ohne sein, der bunte Hund, der nie um einen Spruch verlegen ist, und zumindestens in der Stadt Bern gibt es vermutlich niemanden, der keine Meinung über den Stadtpräsidenten hätte. Kritisiert wird der Stapi beispielsweise, wenn er Testosteron und Pheromone Polka tanzen lässt oder die gut geölte Zunge sich verselbstständigt.

Solche Ausrutscher machen Tschäppät natürlich angreifbar, sie zeigen ihn allerdings auch von einer Seite, die Zehntausende von Männern auch immer mal wieder ausleben. Aber Tschäppät ist ein schweizweit bekannter Politiker, der wissen müsste, dass es für ihn ausserhalb seiner eigenen vier Wände keine Privatsphäre gibt. Diese Schwäche rückt zuweilen in den Hintergrund, dass er ein ausgesprochen gewiefter Taktiker, herausragender Debattierer und gescheiter Politiker ist. Sein politischer Instinkt ist unerreicht, genauso wie seine Begabung als Verkäufer.

Das Comeback von Alexander Tschäppät (59) nach acht Jahren Pause ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wegen der Abwahl Lumengos gibt es auf der Männerliste der SP Platz – der dritte Sitz gehört Tschäppät. Mit seinem Bekanntheitsgrad ist ihm die Wahl nicht zu nehmen, er dürfte sogar den Bisherigen Corrado Pardini hinter sich lassen. In der Phase von 1991 bis 2003 gehörte Tschäppät in der SP-Bundeshausfraktion zu den tonangebenden Mitgliedern. Offen ist, ob er das noch ein zweites Mal schafft und wie sich das 60-Prozent-Pensum als Nationalrat mit einem 100-Prozent-Pensum als Stadtpräsident verträgt.

Urs Gasche (bdp), Regula Rytz (grüne) und Alexander Tschäppät (sp) – alle drei sind seit vielen Jahren stetig präsent in den Medien, sie sind im ganzen Kanton bekannt und gut vernetzt. Sie bringen es gemäss meinem Modell auf 20 bis 23 Erfolgsfaktoren. Alle drei werden sie am 23. Oktober locker in den Nationalrat gewählt. Wetten nehme ich ab sofort entgegen.

Mark Balsiger

Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell zum Herunterladen (PDF)

Fotos:

– Urs Gasche: smartvote.ch
– Regula Rytz: Béatrice Devénes
– Alexander Tschäppät: bern.ch

8 Comments on “Weshalb Urs Gasche, Regula Rytz und Alexander Tschäppät bereits gewählt sind”

  1. Simon Lanz

    Hey Mark

    Vor den Wahlen hätte ich diesen Beitrag unterschrieben (resp. nicht gegen dich gewettet). Insbesondere in Bezug auf Alex Tschäppät… Dieser Kommentar soll also kein Vorwurf in dieser Hinsicht sein.

    Doch nun aus der Retroperspektive: Woran hat es deiner Meinung nach gelegen? Hast du einen der Faktoren bei Tschäppät überschätzt, oder wirst du dein Modell um weitere Faktoren ergänzen? Oder ist Tschäppät einfach ein nicht-berechenbarer Ausreisser?

    Gruss, Simon

  2. René Bucher

    Bleibt nur zu hoffen, das Amen in der Kirche bleibe trotzdem sicher….

  3. zoonpoliticon

    nun ja, ich wage eine vermutung: doppelmandate bleiben in der sp vielerorts verpönt. dagegen anzukommen ist auch für einen tschäppät schwer.

  4. Mark Balsiger

    @ René Bucher

    Die Kirche ist auch nicht mehr, was sie einmal war… Zwei von drei Kandidaturen haben die Wahl locker geschafft, Alexander Tschäppät erreichte den ersten Ersatzplatz. Sollte Hans Stöckli im zweiten Wahlgang den Sprung in den Ständerat schaffen, biegt sich meine Prognose doch noch zurecht.

    @ zoonpoliticon

    In der Tat ist das Ergebnis von Tschäppät in der Stadt Bern nicht fulminant. Wenn sogar Corrado Pardini aus dem Seeland mehr Stimmen macht, lässt das auf verhaltene Liebe der SP-Leute zu ihrem Stapi-Genossen schliessen.

  5. Mark Balsiger

    @ Simon Lanz

    Ich bin – weiterhin – am Ende meines Lateins. Dass Matthias Aebischer mehr als sechs Monate lang einen sehr intensiven, guten und medienwirksamen Wahlkampf gezeigt hat, ist unbestritten.

    Wieso er satte 2915 Stimmen mehr holte als Alexander Tschäppät ist mir schleierhaft. 20 Jahre TV-Prominenz ist wichtiger als 30 Jahre Politik und davon genau 20 Jahre nationalen Medienpräsenz?

    Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell möchte ich nicht ergänzen und damit verkomplizieren, aber die Gewichtung der einzelnen Faktoren müsste wohl wieder überprüft werden.

  6. René Bucher

    Es wäre unklug, die einzelnen Faktoren nun aufgrund des “tschäppätschen” Ergebnisses zu hinterfragen und gar anzupassen. Haben nicht Sie vom “Bunten Hund” gesprochen? Ihr System erträgt solche Leute nicht; sie sind zu ungewöhnlich und zu spannend. Man kann sie sehr wohl lieben, aber oft nur manchmal. Man kann bei ihm nicht ausschliessen, dass er am kommenden Wochenende, käme es zu einer neuen Wahl, mit einem Glanzresultat gewählt würde.

  7. Harald Jenk

    Ich denke auch, dass Tschäppät klar am Thema Doppelmandat gescheitert ist. Schliesslich war es auch die SP die das Thema schon vor Jahren lanciert hat. Auch die Aussagen aus meinem Bekanntenkreis lassen darauf schliessen. Corrado hat dagegen klar vom Bisherigebonus profitiert, der in der SP doch sehr viel zählt.

  8. Mark Balsiger

    @ René Bucher

    Genau, ich nannte Alexander Tschäppät “einen bunten Hund”, zugleich strich ich seine Qualitäten als Politiker heraus.

    @ Harald Jenk

    Doppelmandat – ok. Ich habe nicht die Möglichkeit, derart tief in die sozialdemokratische Seele zu blicken. Aber wenn Sie es schreiben, sekundiert von “zoonpoliticon” und anderen Leuten aus Ihrem und meinem Umfeld, hats vermutlich was.

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