Wenn Journalisten in die Politik wechseln wollen

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Rudolf Burger ist eine der prägenden Figuren bei der Berner Tageszeitung “Der Bund”. Mit beträchtlichem Aufwand pflegt der stellvertretende Chefredaktor seit vielen Jahren das “Samstagsinterview”. Dank Beharrlichkeit und guten Kontakten präsentiert er uns Leserinnen und Lesern immer wieder zum richtigen Zeitpunkt Persönlichkeiten, die auch etwas zu sagen haben.

Ein zweites Steckenpferd Burgers sind Wahlanalysen. Mit Akribe arbeitet sich der promovierte Politologe insbesondere in die Panaschierstimmenstatistiken ein. Dass diese Artikel kaum jemand liest bzw. viele überfordert, steht auf einem anderen Blatt.

Jetzt will Rudolf Burger (58) Gemeindepräsident in der Berner Vorortsgemeinde Bolligen werden. Das ist ein Halbamt und mit 80’000 Franken dotiert. Burger fordert die amtierende Margret Kiener Nellen (sp) heraus, gewählt wird am 9. November. Burger gehört zur Vereinigung “Bolligen Parteilos”, die vor vier Jahren mit einem Wähleranteil von knapp 20 Prozent drittstärkste Kraft im Dorf wurde.

Ein Journalist, der in die Politik wechseln möchte – das ist diffizil. “Der Bund” hat darum nach der Nomination Burgers in den regionalen Spalten klar gemacht, wie er diesen Fall handhaben will. Rudolf Burger trete “publizistisch nicht mehr (oder höchstens in Ausnahmefällen) in Erscheinung”.

Das Time-out ist ein Must, und es ist richtig, dass die Zeitung das klar kommuniziert. Die Klammerbemerkung – “höchstens in Ausnahmefällen” – irritiert hingegen. Gestern sagte Chefredaktor Artur K. Vogel auf Anfrage, dass er über diesen Einschub auch nicht glücklich sei. Die Redaktion sei personell aber so knapp dotiert, dass Burger bis zum Wahltermin unter Umständen trotzdem ein paar Mal einspringen müsse. Das ist verständlich – und bleibt diffizil. Burger beackert Bolligen nicht publizistisch.

Quereinsteiger, die aus dem Journalismus in die Politik wechselten, gibt es einige: Das jüngste Beispiel ist Filippo Leutenegger (fdp/ZH). Der ehemalige “Arena”-Dompteur und Chefredaktor des Schweizer Fernsehens gelang 2003 auf Anhieb der Sprung in den Nationalrat. 1991 schaffte dasselbe der ehemalige Sportjournalist Werner Vetterli (svp/ZH).

Verquickungen zwischen Journalismus und Politik waren in früheren Jahrzehnten die Regel statt die Ausnahme. Das lag vor allem an der Parteipresse. Der legendäre Willy Bretscher beispielsweise, mehr als 30 Jahre lang Chefredaktor der “Neuen Zürcher Zeitung”, sass von 1951 bis 1967 für die FDP im Nationalrat. Ein zweites prominentes Beispiel ist Martin Rosenberg, der Architekt der 1959 installierten Zauberformel im Bundesrat und ein guter Stratege. Er war Redaktor beim katholischen “Vaterland” aus der Zentralschweiz und gleichzeitig Generalsekretär der Konservativ-Christlichsozialen Volkspartei, der heutigen CVP.

Bei der NZZ hielt sich die Vermischung zwischen der erste Gewalt (Legislative) und der oft als vierte Gewalt apostrophierten Medien am längsten. Arthur Honegger war zugleich Redaktor im “Zürich”-Bund und gleichzeitig FDP-Mitglied im Zürcher Kantonsparlament. Jörg Kiefer wiederum, noch heute als NZZ-Korrespondent in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau tätig, war bis vor wenigen Jahren auch FDP-Kantonsrat in Solothurn.

Foto Rudolf Burger: bolligenparteilos.ch

3 Comments on “Wenn Journalisten in die Politik wechseln wollen”

  1. open society

    Das Verhältnis von Medien und Politik ist ein symbiotisches, ambivalentes und ein teilweise von persönlichen Eitelkeiten geprägtes. Politik ohne Medien ist unmöglich; das Umgekehrte in einem asymptotischen Verhältnis zum Zeitungsformat stehend.
    Letzten Endes aber stehen Politiker im Rampenlicht und eben nicht Journalisten. Was genau nun bei einzelnen Medienschaffenden den Hang zum Wechsel ins andere Lager auslöst, reiner Gestaltungswille und der Glaube daran, es besser zu machen als andere oder der Drang vor statt hinter das Mikrofon, Fragen zu beantworten statt solche zu stellen, vom differenziertem Beschreiben unterschiedlicher Standpunkte hin zum Vertreten des einen, weil geglaubt richtigen ist immer wieder ein Faszinosum. Wohl mancher Medienschaffende kokettiert bisweilen mit dem Gedanken. Schliesslich kennt man die Mechanismen, verfügt in vielen Fällen über detailreiche Sachkenntnis und kennt die Historie.

    Wie nun im Fall des stv. Chefredaktors beim „Bund“. Dieser ist zwar sicherlich nicht ganz unkritisch, allerdings ist gemäss Impressum (ohne letztes Änderungsdatum) des „Bund“ R. Burger weder in der Redaktion Schweiz noch Ausland noch Stadt/Region Bern tätig. Es ist der Zeitung gutzuhalten, sofort und konsequent die journalistischen Fragezeichen geklärt zu haben. Ich kann mir indessen nicht vorstellen, dass eine seriöse Zeitung Artikel oder gar redaktionelle Entscheide, welche auch nur der Spur nach zum Wahlkampf taugen würden, in die Hände eines Kandidaten legt. Das wäre sowohl für das Medium wie für den Kandidierenden selbst kontraproduktiv. Last not least kann man es R. Burger in Zeiten knapper werdender Ressourcen sicherlich nicht verdenken, ein anständig ausgestattetes Halbamt anzustreben. Nachdenklicher stimmt mich da schon eher der bereits von C. Longchamp kommentierte Trend weg von etablierten Parteien hin zu Bürgerbewegungen.

  2. AA

    Wo liegt das Problem? “Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe” gilt immer, da ist mir ein Journalist der gleich selber für sein Wort in der Politik einsteht allemal lieber als die Horden von Schnurris welche als Söldner des Wortes im Dienst irgendwelche versteckter Interessengruppen stehen. Mir ist Journalismus mit klaren Positionen allemal lieber.

  3. Jan Flückiger

    Man kann die Entkopplung von Medien und Politik, die sich erst im Verlauf der letzten 20-30 Jahren entwickelt hat, positiv oder negativ sehen.

    Positiv wäre zu erwähnen, dass eine neutralere “Kontrollfunktion” der Medien möglich wird. Negativ wäre wohl zu erwähnen, dass – mit ganz wenigen Ausnahmen – praktisch keine qualifizierten Debatten mehr in den Medien stattfinden.

    Früher haben die Parteimedien, quasi als Speerspitze ihrer Parteien, ihre Positionen vertreten und die “gegnerischen” Argumente aufgegriffen um sie zu entkräften.

    Was wir heutzutage antreffen, ist oftmals ein erschreckender Einheitsbrei, wo der eine Journalist dem anderen abschreibt bzw. viele Journalisten – löbliche Ausnahmen auch hier ausgenommen – keine Ahnung mehr von Politik haben.

    Die zunehmende Skandalisierung, Personalisierung und die Konzentration der Berichterstattung auf die Exekutiven (die, obwohl nicht Gesetz gebend, fast ausschliesslich im Rampenlicht stehen) sind Begleitsymptome, die durch die zunehmende Kommerzialisierung der Medien begünstigt werden.

    Als vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung sind sicher die Horden von Schreiberlingen in den Gratiszeitungen zu nennen, deren Unwissen oft zum Himmel schreit.

    Da muss man sich schon fragen, ob eine Parteimitgliedschaft (oder gar eine Kandidatur) wirklich so schlimm ist. Vorausgesetzt natürlich, dass Transparenz herrscht, und im zweiten Fall, der Ort der Kanditatur vom Ort der eigenen Berichterstattung getrennt bleibt.

    Mir persönlich ist es allemal lieber eine kompetente und analytisch begabte Person in Journalismus UND Politik zu haben, so lange ich weiss wo die Person steht. So kann ich einen Artikel auch schneller und besser einordnen, als ein Artikel eines (mindestens offiziell) unabhängigen Journalisten.

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