Was Ursula Wyss und die SP vergessen haben

Publiziert am

Vor einem Jahr zweifelten Chefredaktoren, Parteistrateginnen und Beobachter keinen Moment daran, dass Ursula Wyss die Nachfolge von Parteikollege Alexander Tschäppät (SP) antreten wird. Die Resultate des zweiten Wahlgangs sprechen aber eine andere Sprache: Berns neuer Stadtpräsident heisst Alec von Graffenried. Er erreichte knapp 58 Prozent aller gültigen Stimmen, Ursula Wyss verlor das Duell gegen den Kandidaten der Grünen Freien Liste (GFL) also sehr deutlich.

Als Campaigner interessiert mich, wieso Wyss ihre Favoritenrolle nicht mit einem Wahlsieg krönen konnte.

Lange bevor die Wahlkampagne einsetzt, muss eine SWOT-Analyse gemacht werden. Das ist harte Arbeit, und in der Regel sind Leute, die einer Kandidatin oder einem Kandidaten nahestehen, nicht befähigt dazu, weil sie den Tunnelblick haben. Im konkreten Fall von Wyss hätte eine ungeschminkte Analyse zum Vorschein gebracht, dass es bei Stapi-Wahlen um Persönlichkeit und Image geht, nicht aber um Inhalte. Des Weiteren hätte man erkennen müssen, dass sich die Widerstände gegenüber Wyss dynamisch ausweiten können.

Genau das ist in den letzten 15 Monaten passiert. Es gibt etliche Leute in der Stadt Bern, die von Nachbars Schwester gehört haben, dass Wyss unnahbar ist. Das Wort unnahbar kann mit berechnend, arrogant usw. ersetzt werden. Die negativen Äusserungen haben sich multipliziert, Social Media verstärkten diesen Effekt massiv. Das Resultat: Abertausende von Menschen in der Bundesstadt haben sich vom Hörensagen eine Meinung über Wyss gebildet. Die negativen Adjektive kleben an ihr wie eine zweite Haut. Sie stammen womöglich aus einer Zeit, als die SP-Politikerin noch sehr jung, scharfzüngig und unsicher war.

Wyss ist in Bezug auf politische Erfahrung, Know-how und Konstanz ihrem Kontrahenten weit überlegen. Beim Stapi-Duell zwischen ihr und von Graffenried ging es aber nicht um Positionen, die ohnehin fast deckungsgleich sind, sondern wie erwähnt um Image und Persönlichkeit. Bei Ausmarchungen für Exekutivämter ist das wahrlich nichts Neues unter der Sonne, der Wahlkampf hat sich schon lange entpolitisiert. Der erste Spitzenpolitiker, der das schmerzhaft erfahren musste, war US-Vizepräsident Richard Nixon. Als er 1960 den Kampf um die Präsidentschaft gegen den jungen und unerfahrenen John F. Kennedy verlor, dampfte er hernach den entscheidenden Faktor in einen Satz ein: Image ist wichtiger als Substanz.

Wyss und ihr engster Parteiklüngel erkannten dieses Risiko nicht oder aber zu spät. Als amtierende Gemeinderätin hätte sie viele Gelegenheiten gehabt, um die Widerstände gegen ihre Person abzubauen. Ein Beispiel:

Im Sommer 2015 feierte das städtische Tiefbauamt sein 150-Jahre-Jubiläum. An einem Nachmittag wurden Gewerbler, Generalunternehmer, Geologen, Ingenieure und Angestellte von Bund und Kanton ins Grüne eingeladen. Das Fest: locker gestreute edukative Elemente, mit Gitarre und Mundharmonika umrahmte Kurzgeschichten von Walter Däpp, feinste Kulinarik. Die Sonne schien, die Stimmung war ausgezeichnet, ein durch und durch gelungener Anlass, der nicht nur mir, sondern zweifellos auch den vielen anderen Gästen in guter Erinnerung geblieben ist.

Nur jemand fehlte: die Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. Ursula Wyss müsse die Stadtratssitzung vom Abend vorbereiten und könne deshalb nicht dabei sein, erklärte Stadtingenieur Hans-Peter Wyss in seiner Grussadresse. Ein Raunen ging durch die Reihen, beim Essen war das Thema gesetzt.

Eine kurze und gelungene Ansprache, ein Small-Talk hier, ein Scherz dort und immer wieder Händeschütteln – das wäre die Aufgabe der politischen Chefin gewesen. Doch Ursula Wyss setzte die Prioritäten anders und verpasste so die Chance, sich vor Hunderten von Gästen nahbar und persönlich zu zeigen. Über 90 Prozent der Gäste waren übrigens Männer, und wir wissen es: Männer sind einfach gestrickte Geschöpfe. Sie wollen gut essen, sich entspannt unterhalten, Bier, Fussball gucken und ernst genommen werden. Dann sind sie zufrieden.

Wäre Wyss an diesem Jubiläumsanlass präsent gewesen, hätte sie die vorzügliche Gelegenheit gehabt, ihr Image zu korrigieren. Und wer weiss, vielleicht hätten sich hernach die guten Feedbacks quer durch die Stadt multipliziert.

Weitere relevante Minuspunkte in Wyss’ Kampagne

Im Wahlkampf haben Symbolik, Stimmungen und Atmosphärisches eine zentrale Bedeutung. Zwei Tage nach dem ersten Wahlgang lud Wyss zu einer Medienkonferenz ein, um ihr Festhalten an einer Stapi-Kandidatur zu bekräftigen. Der Raum hatte ungefähr so viel Charme wie eine Zivilschutzanlage, gravierend war aber das „Line up“: Nebst dem SP-Co-Präsidium sprachen eine Vertreterin des Gewerkschaftsbundes und die Präsidentin der Juso – die üblich Verdächtigen also. Genau zu diesem Zeitpunkt hätte ein Auftritt von Leuten ausserhalb der SP-„Bubble“ Wirkung erzielt, etwa von einem Unternehmer oder Wyss’ Doktorvater der Universität Bern.

An jener Medienkonferenz war Mitbewerberin Franziska Teuscher (Grünes Bündnis) nicht dabei. Sie erklärte zwar am selben Morgen ihren Verzicht auf den zweiten Wahlgang, tat dies aber alleine. Ihre Präsenz hätte Wyss’ Auftritt Schub verliehen, zumal die beiden schon im Sommer gemeinsam die Separat-Kampagne „Es ist höchste Zeit für eine Stadtpräsidentin in Bern“ lanciert hatten.

Teuscher hatte in diesem Wahlkrimi eine Schlüsselrolle: Vor Jahresfrist entschied sie, ebenfalls für das Stadtpräsidium zu kandidieren und vergiftete das ohnehin schon belastete Verhältnis innerhalb von Rot-Grün-Mitte (RGM). Niemand in der Stadt gab ihr auch nur eine Wahlchance von 0,01 Prozent, sie aber musste ihren Willen durchsetzen. Erst aufgrund dieser Konstellation getraute sich der harmoniebedürftige Alec von Graffenried aus der Deckung. Wenn RGM zwei Stapi-Kandidaturen toleriert, müssen auch drei drin liegen, folgerte er, GFL konnte sich damit durchsetzen. Fazit: Teuscher erwies dem Anliegen, endlich eine Frau ins Stadtpräsidium zu bringen, einen Bärendienst.

Was Parteistrategen irgendeinmal zur Kenntnis nehmen sollten: Bei Wahlen gibt es keine Frauensolidarität. Der Frauenbonus spielte seit 1971 genau einmal, 1993 wars, nachdem Christiane Brunner (SP) nicht zur Bundesrätin gewählt worden war. Der Brunner-Effekt verpuffte nach den Nationalratswahlen 1995 wieder, die Forderung „Jetzt endlich eine Frau!“ hat eine kontraproduktive Wirkung. Auch diese Erkenntnis ist alt, man ignorierte sie bei den Berner Stapi-Wahlen trotzdem.

Tony Blair erlebte den Rausch des Wahlerfolgs 1997 und 2001 genauso wie einen brutalen Absturz. Er sagte einmal: „You can get a hundred little things right, but if you fail on the big points you will lose.“ Ursula Wyss und die Stadtberner SP haben zwar einen professionellen Wahlkampf geliefert, aber den entscheidenden Faktor – die Imagekorrektur – schlicht vergessen. Weil ihr Team die eigenen „Bubble“ mit der Stadt Bern gleichsetzte, bleibt ihr der Einzug in den Erlacherhof verwehrt. Für die SP, dreimal stärker als jede andere Partei auf dem Platz Bern, ist das mehr als „e Chlapf a Gring“.


Andere Artikel:

Zu wenig gemütlich für Kuschelmutzen: Ist Ursula Wyss eine Hillary Clinton von Bern?
(Aargauer Zeitung, Max Dohner, 13. Januar 2017)

Hohe Erwartungen an den Stapi für alle
(Berner Zeitung, Mirjam Messerli, 15. Januar)

Grüne Berner Wahl mit Potenzial
(Der Bund, Patrick Feuz, 15. Januar)

„RGM-Parteien könnten von Graffenried als Kuckucksei sehen“
(Der Bund, Interview mit Politologe Daniel Bochsler, 16. Januar)

Berns grünes Wunder – und was dahinter steckt
(Der Bund, Patrick Feuz, 21. Januar)
Sechs Tage nach der Wahl hat die Legendenbildung begonnen (Anmerkung des Blogbetreibers).

 

 

 

 

9 Comments on “Was Ursula Wyss und die SP vergessen haben”

  1. Seidl Christian

    Das „style over substance“-Argument greift freilich nicht immer, wie man kürzlich bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich gesehen hat, wo es in der Stichwahl durchaus um das völlig unterschiedliche Amtsverständnis und die gänzlich differierende Agenda der beiden Kandidaten ging.

  2. Mark Balsiger

    @Christian Seidl

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Politik Österreichs ist für mich nicht „lesbar“. Ich vermute bloss, dass sie Angst vor einem Rechtsaussen die anderen Lager aufgeschreckt und überdurchschnittlich mobilisiert hat. Ein ähnliches Muster konnten wir ja auch in Frankreich schon mehrfach beobachten, jeweils nach dem ersten Wahlgang, wenn es darum ging den Front National in die Schranken zu weisen.

  3. Seidl Christian

    Die Angst vor einem Rechtsaussen war in der Tat eine Kompenente, mitsamt dem (nach dem Brexit wegen Erfolglosigkeit schnell wieder abgesetzten) Stück der FPÖ „Wir treten aus der EU aus“. Zudem gab es offenkundig Zustimmung für die traditionelle Auffassung, dass das Staatsoberhaupt sich aus der Tagespolitik heraushält, während der FPÖ-Kandidat gerne davon träumte, die Regierung zu entlassen (Motto: „Sie werden sich wundern, was alles gehen wird!“).

    Kurzum: Es war dort eine hochpolitische Entscheidung, mit zwei ideologisch sich denkbar weit voneinander unterscheidenden Kandidaten. Da brauchte man dann also gar nicht – quasi faute de mieux – auf das hier von Ihnen diskutierte Surrogat namens „Stil“ auszuweichen (das natürlich trotzdem *auch* aufs Tapet kam).

  4. Rafael Jonson

    Wie weit ist eine Kandidatin für Wahlkampfaktionen des Umfelds verantwortlich? Ich spreche da das ET-Video an, aber auch Unterstützerinnen, die mit Teigwaren auf dem Kopf oder eine Weinflasche schwenkend ablichten liessen. Wie negativ kann sich solcher Sauglattismus auswirken?

  5. Mark Balsiger

    @Rafaael Jonson

    Standard ist, dass eine Kandidatin weiss, was das eigene Wahlkampfteam plant und tut. Zuweilen kommt aber Dynamik auf, will heissen: Supporter von ausserhalb und ohne Auftrag, mischen die Kampagne mit eigenen Elementen und Aktionen auf.

    Der Clip mit ET fand ich gelungen, bei ihm dürfte es um die Schlussmobilisierung gegangen sein. Von der Aktion „Teigwaren aufm Kopf“ habe ich nichts gehört oder gelesen.

    Sauglattismus kommt regelmässig vor, seine Wirkung wurde meines Wissens noch nie untersucht.

  6. Peter Birrer

    Zwei Richtungen haben wahrscheinlich den Ausschlag gegeben:

    Alec v. G. ist ein guter, gewinnender Typ, den viele in meinem Umfeld kennen, weniger gut, besser, näher, wie auch immer. Politisch ist er nicht fassbar und deshalb in der Not auch für Bürgerliche wählbar, die ihrerseits den Wahlkampf vergeigt haben und jetzt in der Exekutive krass unterlegen sind.

    Ursula Wyss ist demgegenüber politisch klar positioniert – pointiert, rot, links. Das zeigte sich wiederholt, als sie die SP-Fraktion im Bundeshaus präsidierte. Dass sie von einem Imageproblem begleitet wird, ist ebenso offensichtlich. Auf eine Korrektur hätte sie zwingend hinwirken müssen. Es hat sich in gewissen Kreisen in der Stadt eine negative Meinung über sie verselbständigt, die viele nachbeteten und nicht überprüften. Da stimme ich Mark Balsiger zu. Es schien bisweilen en vogue zu sein, über sie zu lästern. Das ging etwa so weit, dass man ihr, der „Velo-Frau“, vorzuwerfen begann, dass ein Velostreifen nicht vom Schnee geräumt worden war. Solche Dinge hörte ich noch wenige Tage vor der Stichwahl. Nicht im Witz, sondern im Ernst.

  7. Mark Balsiger

    @Peter Birrer

    Danke für Ihren Kommentar. Wenn Frau Wyss am Schluss für alles irgendwie den Kopf hinhalten musste, konnte es für sie ja nicht gut kommen. Ich gehe davon aus, dass sie diese Nicht-Wahl wegsteckt, die Aufgaben in ihrer Direktion bleiben spannend. Nirgendwo sonst kann man so viel bewegen, für das heisse Dossier „Reitschule“ ist sie aber nicht verantwortlich, und auch die vielen „Anlassrituale“ fallen weg.

  8. bärni moser

    @ Peter Birrer
    Nicht die Bürgerlichen haben den Wahlkampf vergeigt, sondern die FDP! Grund warum die SVP alleine den Wahlkampf betrieben hat, war der Umstand, dass die FDP bei den Grossratswahlen 2016 in der Stadt Bern keine Listenverbindung eingegangen ist mit der SVP!
    @ Mark Balsiger
    Der grösste Fehler von Ursula Wyss war 2013 geschehen, wenn man Stadtpräsidentin werden will, muss man auch mal an die Zukunft denken! Man wollte „Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün“ sein, die „Direktion für Bildung, Soziales und Sport“ überliess man Franziska Teuscher. Teuscher ist dann aus Egoismus auch für das Präsidium angetreten (wohl auch aus Trotz). Man muss eben nicht nur den politischen Gegner umarmen, sondern oft auch den Alliierten! Was hätte es ausgemacht Teuscher ihre Wunschdirektion zu überlassen?
    Selbstverständlich wäre Tschäppät dies nie passiert, an der Jubiläumsfeier nicht teilzunehmen. Lieber mal ein Witz über Italiener oder im Suff herziehen über SVP-Bundesräte, dies macht menschlich! Aber wissen Sie was? Dies war nicht Ausschlaggeben, denn der Cüplianlass interessiert KEIN MENSCH(!), da hatte Wyss wohl recht.

  9. Mark Balsiger

    Sehen Sie, Herr Moser, es war kein Cüplianlass. Es gar nicht einmal Schampus.

    Was die Direktionswahl von Ende 2012/Anfang 2013 betrifft, sollten wir in Erinnerung behalten, dass Ursula Wyss das beste Resultat bei den Gemeinderatswahlen im November 2012 erzielt hatte. Das legitimiert traditionellerweise, von den frei werdenden Direktionen die bevorzugte auszuwählen.

    Soviel zum Poltik-ABC.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.