Was man grundsätzlich aus dem Dok-Film “Die Abwahl” lernen kann

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Die politische Schweiz erlebt schon wieder dramatische Zeiten. Ich zweifle inzwischen nicht mehr daran, dass der Dok-Film “Die Abwahl – die Geheimoperation gegen Christoph Blocher” von Hansjuerg Zumstein erklassiger Zunder war. Den Scheiterhaufen hatte die SVP-Spitze schon laengst aufgeschichtet. Der Film war die ideale Gelegenheit, in bekannter Manier einen Brand zu legen.

SP-Fraktionschefin Ursula Wyss, eine der Protagonistinnen des Dok-Films, streut sich Asche ueber ihr Haupt. In der Tageszeitung “Der Bund” vom Freitag bedauert sie “die Auswirkungen des Films”. Es ist grundsaetzlich nie zu spaet fuer ein “mea culpa”. Das koennte auch CVP-Praesident Christophe Darbellay dazu bringen, ein glaubwuerdiges Pardon fuer seinen Auftritt in diesem Film folgen zu lassen.

Eine der Schluesselstellen von “Die Abwahl”: Darbellay sagt, er habe “solide Garantien”, dass Eveline Widmer-Schlumpf die Wahl annehmen wuerde. Als Filmer Zumstein nachhakt, wer diese soliden Garantien gegeben habe, entgegnet Darbellay, dass er das fuer sich behalten werde. Bei dieser Passage des Films schrie ich auf. Einerseits weil es ungeschickt ist, den Sack wie einen Oscar zu schwenken, aber partout nicht zu sagen, was sich im Sack befindet. Andererseits weil Darbellay sich in dieser Passage non-verbal wie para-verbal selber ueberfuehrt.

Es war ein gravierender Fehler, dass Ursula Wyss, Christophe Darbellay und – in einem reduzierten Mass – die Fraktionschefin der Gruenen, Therese Froesch, in diesem Dok-Film mitmachten. Sie haetten ihren Erfolg besser still genossen, als ihn oeffentlich noch vergolden zu wollen. Der Buendner SP-Nationalrat Andrea Haemmerle verzichtete wohlweislich darauf, selber Aussagen beizusteuern. Ohne Schluesselfiguren der heterogenen Anti-Blocher-Gruppierung im Parlament haette Zumstein den Film kaum realisiert, mithin waere mehr Zeit verstrichen. Wertvolle Zeit, die haette aufzeigen koennen, dass Widmer-Schlumpf eine faehige Bundesraetin ist und weiterhin Platz hat in der SVP.

Wyss wie Darbellay kriegten ihr Fett ab – medial wie parteiintern. Beide stehen heute schwaecher da als in den ersten Wochen nach den Bundesratswahlen.

Mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, Salz in diese offenen Wunden zu streuen. Vielmehr nehme ich etwas auf, was jemand aus meinem Umfeld kritisierte: “Die beiden haben offenbar wenig Ahnung von professioneller Medienarbeit – das war nicht Champions League, wie man es auf Grund ihrer Positionen erwarten muesste.” Ein happiger Vorwurf.

Welche Lehren lassen sich aus diesem Film ziehen? Ich beschraenke mich auf die drei aus meiner Sicht elementarsten Aspekte:

1. Bevor man einwilligt, ein Interview zu geben, sind die Spielregeln detailiert zu vereinbaren. Diesem Ansinnen widersetzt sich kein Medienschaffender. (Moegliche Fragen sind: Mundart oder Hochdeutsch?; Sendegefaess?; Wer kommt in diesem Beitrag sonst noch zu Wort?; Stossrichtung?) Keine Details sind bei Filmaufnahmen der Hintergrund und die Einstellung der Kamera. Die Macht des Bildes ist erschlagend. Wenn ein Kameramann will, verliert der Interviewte, ganz egal, wie gut er sich inhaltlich schlaegt.

2. Bei laengeren Interviews sollte ein Interviewter zwingend eine Zweitperson beiziehen, die das Metier aus dem Effeff kennt. Zwei Ohrenpaare hoeren besser. Diese Zweitperson ist im Vorfeld des Interviews der Sparringpartner, der danach auch beim Aufwaermen vor dem Auftritt hilft. Ist die Stossrichtung eines Interviews sensibel, draengt sich eine minutioese Vorbereitung auf. Die Kernbotschaften muessen sitzen.

3. Der medienrechtliche Aspekt: Der Interviewte darf seine Aussagen und Aufnahmen danach nochmals in Ruhe hoeren bzw. sehen. Sie muessen von ihm autorisiert werden. Auch beim Autorisieren empfehle ich, eine Fachperson beizuziehen.

In der Privatwirtschaft und bei Bunderaeten ist es laengst Usus, diesen drei Aspekten zentrale Bedeutung zu geben. In der restlichen Polik muss offensichtlich zuerst noch teures Lehrgeld bezahlt werden. Als Beispiel sei hier der Stadtberner Polizeidirektor Stephan Huegli erwaehnt: Nach seinem Kommunikations-GAU im Nachgang des Krawalls vom 6. Oktober stellte er einen Medienberater an. Das merkt man Hueglis Auftritten und Interviews inzwischen an.

P.S. Hintergruendiges zur Entstehung des Dok-Films und den ersten Wirbel gibt es auf der Website des Zuercher Pressevereins. Filmer Hansjuerg Zumstein nimmt dort in einem Interview Stellung – ein wichtiger Beitrag, auch heute noch.

5 Comments on “Was man grundsätzlich aus dem Dok-Film “Die Abwahl” lernen kann”

  1. Ursi

    Das lustige an diesem Beitrag ist, dass nicht das intrigante Verhalten der beiden bedauernswerten Sündenböcken/-Geissen angeprangert wird, sondern lediglich wie es der Öffentlichkeit im falschen Glauben unter die Nase gerieben werden musste. hihi

  2. Ronnie Grob

    Und was ist denn eigentlich mit der Wahrheit, wenn nur noch autorisierte Interviews an die Öffentlichkeit kommen? Ist es nicht die Aufgabe von Journalismus, herauszukriegen, was wirklich geschehen ist?

  3. Roger

    Lol @ Ronnie

    Die Wahrheit? Es kommen schon längst nur noch autorisierte Interviews heraus. Deine Frage zeugt von einer beängstigenden Naivität.

  4. Ronnie Grob

    @Roger: Auch wenn das so sein sollte (was es nicht ist), dann frage ich dich: Findest du das gut und richtig so?

  5. Mark Balsiger

    @Ronnie Grob

    Vorab: Die Wahrheit und autorisierte Interviews schliessen sich nicht aus.

    Beim Autorisieren von Interviews geht es um den Schutz der Person, die befragt wurde. Sie soll ihre Aussagen nochmals in Ruhe gegenlesen bzw. hoeren koennen. Gerade bei Interviews gegenueber Zeitungen in der deutschen Schweiz macht das Sinn, weil die Interviews in der Regel Mundart gefuehrt werden, danach aber in die hochdeutsche Sprache transkribiert werden muessen. Das hat automatisch Ungenauigkeiten zur Folge, wie bei einer Uebersetzung von einer in die andere Sprache.

    @ Roger, bei dieser Annahme liegt ein krasser Irrtum vor. Die Mehrheit der Interviews oder Aussagen werden nicht autorisiert veroeffentlicht, gerade bei Radiostationen verzichtet man in der Regel darauf, sonfern natuerlich der Interviewpartner einverstanden ist.

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