Charles von Graffenried war der erste “Bund”-Retter

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Charles von Graffenried (Foto) erinnerte mich seit Langem an Mick Jagger, der heute sein 50-Jahre-Bühnenjubiläum mit den “Rolling Stones” feiert: Beide sind clevere Unternehmer, beide sind Urgesteine. Sie waren schon immer da, markant, erfolgreich, unabhängig, irgendwie unsterblich.

In der Nacht auf Dienstag ist das Licht des kantigen Berners, Medienzars, Privatbankier und grösster Immobilienbesitzer des Kantons in einem, knapp 87-jährig, erloschen. “Ein Grosser hat die helvetische Bühne verlassen”, resümierte Urs Gossweiler, der ewig jung-wilde Verleger aus dem Berner Oberland, von Graffenrieds Tod.

Im Gegensatz zu Jagger brauchte von Graffenried das Rampenlicht und die Zuneigung der Öffentlichkeit nicht. Nie erlag er den Verlockungen des Genusses und des vielen Geldes, das sich in seinen Händen stetig vermehrte. Das Leben des Protestanten bestand aus arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Einmal im Jahr lud er zum Apéro im 5-Sterne-Hotel “Bellevue” zum Frühlingsapéro, daneben sah man ihn kaum an geselligen Anlässen.

Ich erinnere mich an die wenigen persönlichen Begegnungen mit Charles von Graffenried. Sie fanden allesamt in seinem Sitzungszimmer an der Zeughausgasse statt. Es ging um die Traditionszeitung “Der Bund”. Die Rotstiftgauchos des Zürcher Tamedia-Konzerns, der 2007 von Graffenrieds Espace Media Groupe zu einem viel zu hohen Preis übernommen hatte, rechneten knallhart und mit preussischer Rücksichtslosigkeit. Aus Kostengründen stellten sie am 1. Dezember 2008 die Fusion von “Bund” und “Berner Zeitung” als mögliche Option vor.

Ich war perplex: Kurzerhand sagte ich meinen dreiwöchigen Mexiko-Urlaub ab und bündelte den Widerstand gegen die Fusion – das Komitee “Rettet den Bund” war geboren. An diese Phase der Rettungsaktion erinnere ich mich gerne: Die Reaktionen von “Bund”-Leserinnen und -Lesern – telefonisch, per Mail oder postalisch – gaben mir viel Energie und Mumm. Selbst an den Weihnachts- und Neujahrstagen kamen wir kaum aus dem Büro.

Doch zurück zum Sitzungszimmer der von Graffenried-Gruppe. Am Tisch sassen wir uns vis-à-vis: Auf der einen Seite die Ständeräte Simonetta Sommaruga und Werner Luginbühl, Nationalrat Alec von Graffenried, Grossrat Christoph Stalder und ich. Auf der anderen Seite Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, CEO Martin Kall, Christoph Zimmer, der Leiter Unternehmenskommunikation bei Tamedia, sowie die beiden Chefredaktoren Artur Vogel (“Bund”) und Michael Hug (“Berner Zeitung”).

Am Kopf des langen Tisches sass jeweils Charles von Graffenried. Er war stets höflich, hörte gut zu, seinen Augen entging nicht die kleinste Regung im Raum. Beim ersten Gespräch geriet seine Einführung ziemlich lange, was atypisch war für ihn. Er rollte die letzten Dekaden Berner Mediengeschichte auf, mehr an seine Zürcher Kollegen gerichtet, wie mir schien. Dabei wurde spürbar, dass von Graffenried am “Bund” hing.

Von Graffenried übernahm im Jahr 2003 die operative Führung des “Bund” von der NZZ und ein grosses Aktienpaket. Das war ein mutiger Schritt, ohne ihn wäre die damals defizitäre Tageszeitung womöglich eingestellt worden. Für dieses Engagement gebührt ihm aufrichtiger Dank, er war der erste “Bund”-Retter.

Eine seiner Aussagen verwendeten wir auch 2008/2009 für den Kampf gegen das drohende Aus:

“Ich kann mir Bern ohne ‘Bund’ gar nicht vorstellen.”
(Samstagsinterview “Der Bund”, 31. Juli 2003)


Weitere Texte über Charles von Graffenried:

Sir Charles machte stets das Beste daraus (NZZ, Peter Ziegler, 11.07.2012)
Zu wenig Herz vermutlich (NZZ, Margrit Sprecher, 28.03.2010)
Leben in grossen Räumen (Klartext, Klaus Bonanomi, 10.07.2007)

Foto Charles von Graffenried: keystone

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