Vom Auf- und Abstieg von Rita Fuhrer

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rita_fuhrer_tagblatt1_smallDie Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer (svp) tritt im Frühling 2010 zurück. Das hat sie heute Morgen an einer Medienkonferenz bekanntgegeben. Dann wird eine atypische politische Karriere zu Ende gehen.

Ich erinnere mich gut an Fuhrers Wahlkampf im Jahr 1995: Die damals 42-Jährige war im Kantonsrat eine Hinterbänklerin, ihre Nomination eine Überraschung. Freund und Feind nahmen sie nicht ernst. Ihr bescheidener Schulsack und das unscharfe politische Profil wurden immer wieder kritisiert. “Nette Verpackung ohne viel Inhalt” – dieser Vorwurf begleitete sie wie ein Schatten. Bis zum Wahltag.

Zur Überraschung vieler Beobachter schaffte sie den Sprung in die Regierung. Kaum im Amt meisterte sie die Polizeiaffäre um den Kommandanten Eugen Thomann sowie den Polizeihauptmann Hansjörg Spring mit Bravour. Freund und Feind hätten ihr das nicht zugetraut. Mit einem Mix aus unbändigem Arbeitswille, Durchsetzungsvermögen, Charme und politischer Intuition erkämpfte sie sich Anerkennung und Respekt. Die Zürcher liebten die volksnahe Strahlefrau – “lovely Rita” war geboren.

Für die SVP war Fuhrer, übrigens eine Politikerin von Blochers Gnaden, ein Glücksfall. Sie war in den Neunzigerjahren das sympathische und populäre Aushängeschild der Volkspartei im bevölkerungsreichsten Kanton. Die SVP verzeichnete damals ein kräftiges Wachstum: Die Knochenarbeit im Hintergrund leisteten Hans Fehr und Ulrich Schlüer, Autoimporteur Walter Frey butterte viel Geld in Kampagnen und “Buurezmorge”, Christoph Blocher war die Kristallisationsfigur für Parteigänger, Medien und Öffentlichkeit.

Im Dezember 2000 wurde Rita Fuhrer von ihrer Partei als Bundesratskandidatin nominiert, zusammen mit dem Thurgauer Regierungsrat Roland Eberle. Es galt damals, Adolf Ogi zu ersetzen. Das Eidgenössische Parlament entschied sich im sechsten Wahlgang für jemand anderes: den Berner Ständerat Samuel Schmid.

Rückblickend erreichte Fuhrer in dieser Phase den Klimax ihrer politischen Laufbahn; 1999 war sie mit dem besten Ergebnis als Regierungsrätin bestätigt worden. Nach der Nichtwahl in den Bundesrat begann der sachte Abstieg. Abnützungserscheinungen schlichen sich ein, sie verlor zunehmend an Glanz. Mit dem Wechsel in die Volkswirtschaftsdirektion anno 2004 musste sie das heikle und unpopuläre Flughafendossier  übernehmen. Die Verteilung des Fluglärms war emotional aufgeladen, die Atmosphäre vergiftet – eine Mission impossible, auch für sie.

In den letzten Jahren nahm man Rita Fuhrer als vergleichsweise glanzlos, dafür zunehmend als machtbewusst wahr. Es kam zu überdurchschnittlich vielen Wechseln und Zerwürfnissen in ihren Direktionen, Fuhrer legte sich mit den Medien an, sie regierte intern heftig auf Kritik. Mit Regierungskollegin Dorothée Fierz – es ging um die Neuorganisation des Tiefbauamts – lieferte sie sich einen wüsten Streit. Fierz musste in der Folge 2006 zurücktreten, Fuhrers Instinkt rettete sie vor demselben Schicksal. Bei den Wahlen 2007 erreichte sie aber nur noch Platz 7.

Im März dieses Jahres erlitt Fuhrer eine schwere Lungenentzündung. Im Juni wurde sie auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren und brach sich dabei mehrere Rippen. Ihr Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen ist vor diesem Hintergrund richtig.

Nachtrag von 18 Uhr: Den Kommentar zu Fuhrers Rücktritt der NZZ gibt es hier.

Foto Rita Fuhrer: tagblatt

4 Comments on “Vom Auf- und Abstieg von Rita Fuhrer”

  1. open society

    Rita Fuhrer tritt zurück. Es gab diese Woche schon schlechtere Nachrichten.

  2. Mark.Balsiger

    @ open society

    Ich bin überrascht über die epische Länge dieses Kommentars. Was ist los? Unter die Twitterer gegangen – 140 Anschläge, und danach ist Schluss?

    E guets Weekend!

  3. open society

    @ Mark Balsiger

    die Länge des Kommentars ist der Regierungsarbeit von Frau Fuhrer durchaus angemessen.

    Zu diskutieren bliebe – wenn überhaupt – allenfalls, dass sich Frau Fuhrer „mit der Übernahme der Volkswirtschaftsdirektion auch das leidige Flughafen-Dossier eingehandelt habe“. Frau Fuhrer wollte genau dieses Departement mit genau jenem Dossier plus noch den Bereich Tiefbau.

    Mit dem ihr eigenen Machtinstinkt hat sie dies erreicht. Ob Frau Fuhrer lediglich das Ziel hatte, die Macht in diesen Bereichen auszuüben oder ob sie evtl. tatsächlich höhere Ziele hatte, diese aber nicht erreicht hat, ist belanglos. Wie ihr grosser Mentor politisiert sie „volksnah“ und machtbewusst, immer im Glauben, dass man 30% als Mehrheit schönreden und deshalb auf alle anderen Kräfte in der Demokratie verzichten könne. Das führt fallweise zu Rücktritt oder Abwahl.

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