Unabhängigkeit und Transparenz in der Glasbox und anderswo – eine Klarstellung

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Dieser Tage bin ich regelmässig in der grossen SRF-Kiste “Treffpunkt Bundesplatz” involviert. Ich darf jeweils zwischen 14 und 15 Uhr auf DRS3 bzw. SF info eine Kurzbeurteilung über die Parteien und die Wahlkampfreden vornehmen. Dabei wurde für mich die Glasbox auf dem Bundesplatz unverhofft zum Glashaus. Diese Medienauftritte führten zu Fehlinterpretationen, die ich ausräumen will.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und dieses Blog hier betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Im Herbst 2006 hat das angefangen und von Jahr zu Jahr wird die Nachfrage etwas grösser. Einmal werde ich gefragt, welche Rolle die Bundesräte für ihre Parteien spielen, ein anderes Mal darf ich analysieren, weshalb der Zürcher Regierungsrat Hans Hollenstein abgewählt wurde, ein drittes Mal kritisiere ich Videoclips.

Priorität haben solche Medienanfragen nicht, an erster Stelle kommen immer die Mandantinnen und Mandanten. Wenn ich es aber einrichten kann, nehme ich die Expertenrolle gerne wahr, was oft in Nachtarbeit mündet. Aber für Selbständige ist der Arbeitstag bekanntlich fast beliebig ausdehnbar.

Weshalb ich regelmässig Medienanfragen annehme:

– Jede Medienanfrage ist eine Herausforderung. Ich mag Herausforderungen
– Ich betrachte jede Medienanfrage als “persönliches Medientraining on the job”. So profitiere ich für eines der Standbeine meiner Agentur, weil ich regelmässig selber beübt werde
– Mich interessiert, wie Medienschaffende Themen angehen und aufbereiten, gerade auch weil ich an der Schweizer Journalistenschule ein kleines Pensum habe
– Ich verstehe mich als Dienstleister. Von 1989 bis 2000 war ich selber als Journalist tätig und weiss deshalb nur zu gut, wie schwierig es ist, unter Zeitdruck Protagonisten zu finden, die in ihrem Gebiet über ein solides Wissen verfügen und es auch auf den Punkt bringen können
– Hintergrundgespräche, die nicht zu Zitaten führen, sind für mich sehr bereichernd
– Regelmässige Medienauftritte erhöhen meinen Bekanntheitsgrad und können die Reputation stärken

Wer im Scheinwerferlicht der Medien steht, muss jederzeit mit Kritik, Verunglimpfungen, dumm-dürren Hypothesen, ja sogar mit Heckenschützen rechnen. Die beiden Stars der Polit-Expertenzunft können ein Lied davon singen: Meinungsforscher Claude Longchamp wurde nach der Anti-Minarett-Initiative durch den Kakao gezogen, Sozialgeograf Michael Hermann wiederum musste in den letzten Monaten Kritik für seine Vermessung der Politik einstecken.

Auf meine Medienauftritte bilde ich mir nichts ein, ich brauche sie nicht für das persönliche Wohlbefinden. Wenn meine Einschätzungen dem Publikum helfen, etwas zu verstehen, ist ein wichtiges Ziel erreicht. Darum geht es. Wenn die “Elfenbeintürmler” nicht bereit sind, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären, bedauere ich das. Es liegt an ihnen, sich in der Disziplin der Instant-Analyse zu versuchen.

Der Einfluss der Experten wird grundsätzlich überschätzt. Ich zähle in dieser Gilde zur dritten Reihe, nehme die Aufgabe aber ernst. Gleichwohl beobachte ich mich in dieser Rolle mit einem Augenzwinkern. Das Lachen auf den Stockzähnen bleibt, und sollte ich es einmal verlieren, werde ich mich beruflich verändern.

Zentral ist für mich Unabhängigkeit. Ich gelte zwar als “animal politique”, habe aber den Anspruch, dass meine Einschätzungen nie parteiisch sind. Das habe ich womöglich nicht ganz immer geschafft. Ebenso zentral ist, dass ich nie zwei veschiedene Hüte gleichzeitig trage. Wo meine Kommunikationsfirma involviert ist, nehme ich keine Medienanfragen wahr. So ist es in den letzten fünf Jahren zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

Nehmen wir als Beispiel “Treffpunkt Bundesplatz”. Von allen Kandidaten, die ich am Sender bespreche, bestand mit keinem jemals ein Mandatsverhältnis. Dasselbe gilt auch für ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Verquickungen lehne ich ab; ich kann und will sie mir nicht leisten. In meinem Berufsverständnis sind Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Unabhängigkeit und Ethik sehr wichtig.

Die Beurteilung des Berner FDP-Nationalrats Christian Wasserfallen, der heute in der Glasbox seine Wahlkampfrede hält, hätte ich abgelehnt. Er absolvierte vor drei Jahren bei mir ein Medientraining, bei dem er sich auf sein Zusammentreffen mit Christoph Blocher in der “Arena” vorbereitet hatte.

Mark Balsiger

Foto Glasbox auf dem Bundesplatz: Thomas Hodel

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