Party and Politics

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Es war ein bunter, ausgelassener, weitgehend friedlicher und phonestarker Event, der die Wände der Berner Innenstadt ins Zittern brachte. Mehr als 10’000 Leute tanzten bis in die Morgenstunden durch die Gassen. „Endgeil“ sei es gewesen, meinte ein Teilnehmer.

Auf Social-Media-Kanälen zogen Irrlichter alsbald Vergleiche zum Arabischen Frühling. Als Zaungast kamen bei mir Erinnerungen an die Anfänge der Street Parade in Zürich hoch. Andere Beobachter nennen als Referenz die Fasnacht, den „Zibelemärit“ oder die Euro 08, als die holländischen Fussballfans die Bundesstadt überfluteten.

Schräg  sind solche Vergleiche nicht. Es geht um: fröhlich sein, feiern und flirten. Auch an der „Tanz dich frei“  fliesst viel Schweiss und noch mehr Alkohol. Wie an allen anderen Grossanlässen wird „gelittert“, gepisst und gekotzt. Ein Online-Kommentar verballhornt das Motto:

„Müll hoch drei. Tanz im Brei. Piss ganz frei.“

„Tanz dich frei“ sei die grösste Jugend-Demo seit 25 Jahren, wird behauptet. Damals, im November 1987, protestierten Tausende gegen die gewaltsame Räumung des Zelt- und Wagendorfs Zaffaraya. Das war der Höhepunkt der Jugendunruhen in Bern, „Züri West“ lieferte den Soundtrack dazu.

Wer genau war gestern auf den Strassen? Die Reitschüler vermögen ein paar Hundert Leute zu mobilisieren, ebenso die Kapitalismus-Gegner, die, wie andere auch, die Party für sich zu instrumentalisieren versuchten. Das Bleiberecht-Kollektiv Bern bringt schätzungsweise 70 bis 100 Menschen auf die Strasse, die Pressure Group Bio-Birchermüesli aus Burundi und andere noch je 20. Gefeiert haben aber 10’000, nach anderen Schätzungen waren es sogar 15’000 Leute.

Ich habe viel Sympathien für dieses Happening und gehöre vermutlich nicht zu den Spiessbürgern, behaupte aber: Was letzte Nacht in Szene ging, war keine politische Gross-Demonstration für mehr Frei-Raum, sondern für 90 Prozent der Teilnehmenden einfach eine abgefahrene Party. Am Nachmittag riss ich diesen Aspekt auf Twitter an, verknüpft mit der simplen Frage: Wie viele Leute wären auch bei 4 Grad und Dauerregen dabei gewesen?

Die Diskussion verlief kontrovers und kam bald ins Stocken. Zu wenig Platz.  Sie lässt sich in einem Blog einfacher führen als mit der Limite von 140 Anschlägen. Also, it’s your turn.

Nachtrag vom Montag, 4. Juni 2012, 22 Uhr:

An der Gross-Veranstaltung wurde auf dem Bundesplatz offenbar eine Rede gehalten. Den exakten Wortlaut hat Daniel L. als Kommentar platziert. Weil er sehr viel Platz braucht, machte ich daraus ein PDF und schalte ihn hier zum Herunterladen auf:

tanzdichfrei – Rede auf dem Bundesplatz vom 2. Juni 2012 (PDF)

Foto: Florian Hodel, floho.ch

29 Comments on “Party and Politics”

  1. Luc Hutter

    Also ich denke bei 4 Grad und Dauerregen wären in etwa so viele unzufriedene Jugendliche gekommen, wie die FDP Kugelschreiber, die CVP PostIt-Blöckli, die BDP Zündholzschächteli und die SVP Milchschöggeli jeweils just vor den Wahlen zu verteilen pflegen.

  2. Pierre

    Mir scheint die politische Motivation hinter dem ganzen doch sehr fragwürdig. „Wir wollen mehr Partyraum und eine liberalere Nachtlebenverordnng“ als Forderung ist meines Erachtens deplatziert und masslos. Party machen: natürlich. Fröhlich sein: unbedingt. Mal eins über den Durst kippen: wenns sein muss auch. Aber doch nicht immer und überall.

    Die Partyszene ist im Vergleich zu vor 20 Jahren explodiert, noch nie gab es so viele Clubs, Discos, Keller, Lokale zum Abfeiern. Was die heutigen Nachtschwärmer angeboten bekommen, ist absolut paradiesisch. Da nach „noch mehr und noch freizügiger“ zu schreien ist meines Erachtens nur noch dekadent. Wenns denn nun ein politischer Anlass war. Wars aber meiner Meinung nach definitiv nicht. Es war einfach wieder eine super Gelegenheit, die Sau rauszulassen.

    Passt ja zur allgemeinen Haltung vieler, dass man eben immer und überall lustig sein können muss. Es gibt aber noch andere Menschen. Die nicht unbedingt nur Freude daran haben. Weil sie auch mal pennen wollen. Weil die es satt haben, jeden Sonntagmorgen die Kotze und Pisse vor ihrer Haustür wegwischen zu müssen. Weil sie keinen Bock mehr haben, mir ihren Steuergeldern Polizeieinsätze, Putzequipen und Reparaturarbeiten finanzieren zu müssen. Und wenn sie sich zu Wort melden, werden sie als engstirnige, konservative Bünzlis abgetan. Fein, dann nehmt mich da auch mit rein.

    Der Anlass ist eine Ausprägung von exessivem Egoismus, der sich immer mehr breitmacht. «Ich will saufen und kotzen können, wann und wo ich will, egal was die Konsequenzen für den anderen sind». Diese Haltung widerstrebt mir zutiefst.

  3. Mark Balsiger

    Inzwischen hat sich auch Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät wieder in die Debatte eingeschaltet. Für ihn ist die Tanzparty vor allem ein gesellschaftliches Phänomen und weniger eine politische Manifestation.

    Das ganze Interview bei Radio DRS von heute Montag:

    http://bit.ly/KqhP6A

  4. Mark Balsiger

    @ Pierre

    Dieser Kommentar brauchte Mut.

    In den letzten 12 Stunden habe ich ein paar Mails erhalten, die ähnliche Argumente vorbringen. Man fürchte aber, dies in der (Halb-)Öffentlichkeit dieses Blogs oder auf Facebook zu tun. Zu gross ist der Respekt, danach „als Spiesser verunglimpft zu werden.

  5. Pierre

    Wenn man meine Argumente für spiessig hält, kann ich damit leben. Ich wurde einfach anders erzogen – für mich galt es, meinen Dreck alleine aufzuräumen, nicht andere dafür verantwortlich zu machen. Für mich galt, Rücksicht auf Mitmenschen zu nehmen, nicht nur mein Ego durchzusetzen. Es gibt ja diesen weisen Spruch: Meine Freiheit hört dort auf, wo die Freiheit meines nächsten anfängt.

    Ich bin ja nicht allein auf der Welt, ich lebe in einem Netz von Menschen mit Gepflogenheiten, Bedürfnissen, Grenzen, Abmachungen… Und mich dünkt, diese Partygänger scheren sich einen recht feuchten Deut darum, was vorher galt und was nachher kommt – solange sie auf ihre Kosten kommen.

    Ein Partyveranstalter müsste ja beispielsweise auch dafür sorgen, dass irgendwo zusätzliche Mülltonnen und Toitoi-Klos aufgestellt werden. Jeder Sport-Veranstalter macht das, das ist selbstverständlich. Dass dies hier einfach vergessen/ignoriert wurde, zeigt doch die Motivation der Leute deutlich: Man will Spass haben, aber nicht dafür aufkommen.

  6. bugsierer

    ich bin auch etwas irritiert. ich habe das via twitter auch gesagt – und wurde auch angepflaumt. muss man aushalten.

    die schurnis sind, auch in der heutigen gedruckten berner presse, schlicht platt ab der schieren masse. einige haben sogar den eher unpassenden vergleich zum tahrir bemüht. ebenso rat- und sprachlos waren die politiker.

    am spannensten finde ich die tatsache, dass jugendliche in ganz europa immer mehr demonstrieren, aber nur in der schweiz für mehr ausgang. überall sonst gehts um ganz andere themen. von ACTA bis jugendarbeitslosigkeit.

  7. Pierre

    Was für ein Konsumzwang denn bitte?? Niemand wird gezwungen irgend etwas zu konsumieren?? Das macht ihr doch alles freiwillig. Und macht da genau mit bei diesem Kapitalismus, den ihr so heftig kritisiert!

    Und von wegen „Kampf gegen den Kapitalismus“: Party jedes (!) Weekend (möglichst Freitag UND Samstag), Getränke konsumieren, teure Klamotten anziehen, Müll hinterlassen… ähm, merkt ihr was?

  8. Mark Balsiger

    Die medialen Blick auf Bern und das Happening vom letzten Wochenende:

    Zunächst die Beiträge von „Schweiz Aktuell“ von SF, zum Teil mit Archivmaterial von den Demonstrationen von anno 1987:

    Teil 1:
    http://bit.ly/KaJFiV

    Teil 2:
    http://bit.ly/KydUEg

    NZZ-Korrespondent Daniel Gerny bettet den Event in Bern in einen grösseren Kontext. Er spricht von einer „Rückeroberung des öffentlichen Raums“. Sein gelungender Text:

    http://bit.ly/JHjZsL

    Nicht nur in Bern, auch in Basel wurde gefeiert und demonstriert, die Parallelen sind offensichtlich. Dani Winter von der „TagesWoche“ stellt die Frage, „ob das Phänomen, dessen Zeugen wir gerade werden, das Zeug zu einer Bewegung hat“. Dieser Kommentar gibts hier:

    http://bit.ly/K8sljg

  9. Mark Balsiger

    Die Mails, die mich erreicht haben, erwähnte ich in dieser Spalte schon. Jetzt ist ein Kommentar eingetroffen mit der ausdrücklichen Bitte, diesen zu veröffentlichen, ohne dass irgendwelche Rückschlüsse auf die Urheberschaft möglich seien.

    Das mache ich gerne, weil: die Debatte soll nicht abgedrückt werden.

    Nachfolgend also eine Replik auf die von Daniel L. gepostete Rede auf dem Bundesplatz:
    —————————-

    @Daniel L.

    In einem Punkt hast du vollkommen Recht: „Jeder Augenblick, den du im Jetzt verschwendest, ist verloren für immer!“ Toll. Mein Lebensmotto.

    Bei den meisten anderen Aussagen, die irgendwo zwischen einer psychotisch angehauchten Paranoia liegen und dem Eingeständnis, andere für das eigene Scheitern verantwortlich zu machen, fragt man sich, wo der Zusammenhang zwischen der Tanzparty und diesem politischen Manifest steht.

    Ein zweifellos legitimer, aber letztlich niedlicher Versuch, die Veranstaltung für etwas zu vereinnahmen, das sie für geschätzte 99% der Geister, die ihr gerufen habt, nicht war!

    Es tut mir leid, Daniel, aber auch wenn ich für viele andere Deiner Aussagen Sympathie aufbringe, so musst du einsehen, dass du mit den meisten Zeilen dieser Rede einer ganz kleinen Minderheit angehörst. In einer Demokratie ist es zum Glück so, dass man solche Minderheiten aufnimmt, sie möglichst hätschelt, ihnen weitestmögliche Freiräume lässt, soweit es das Gemeinwohl erlaubt.

    Du aber sprichst anderen Minderheiten – denen, die Ruhe suchen – das Recht ab, unbehelligt von Dingen zu sein, die für dich in Ordnung sind, aber andere stören. Also musst du dich zunächst einmal nicht wundern, wenn du nicht so ernst genommen wirst.

  10. Daniel L

    Die Rede stammt nicht von mir, ich kopiere lediglich. Aber ich warte in meiner Naivität gerne ab, helfe der Jugend und Frage mich ab der bornierteren, spießigen Ignoranz der Älteren. Nichts wird Ernst genommen. Schade, so verfährt sonst nur die SVP.

  11. Mark Balsiger

    Der Diskurs geht weiter. Erneut kopiere ich den Kommentar des Blog-Gastes, der anonym bleiben möchte rein:
    ——————–

    Lieber Daniel, sage mir doch konkret, was an meinen Aussagen „borniert, spiessig oder ignorant“ ist, wo genau ich dich nicht ernst nehme sowie was genau SVP-like ist. Ich verachte nämlich die Grundsätze dieser Partei zutiefst und würde mich gern umgehend bessern, falls ich auch nur einen Deut dieser Ideologie intus hätte. Wenn es dir ernst ist mit der Diskussion, beschreibe mir das bitte.

    Hier noch etwas Stoff, auf den du gern eingehen kannst.

    Deine Ideen mögen auf redlichen und vernünftigen Grundsätzen basieren, aber andere haben andere Ideologien und Grundsätze, die nicht deinen entsprechen und neutral betrachtet zunächst weder schlechter noch besser sind als deine. Sie sind einfach mal anders.

    Worauf nie jemand aus der „Bewegung“ konkert
    antwortet: Wenn sich andere Menschen wegen Lärm beschweren, entspricht es ebenso einem grossen Bedürfnis wie es dein Bedürfnis ist – und das vieler anderer – Freiräume auf eine bestimmte Art zu nutzen. Offenbar missfällt diese Art anderen.
    Aus welchen Gründen auch immer: Es sind vielleicht unterbezahlte ArbeiterInnen, die morgens um sechs wieder an der Kasse stehen müssen. Es sind Eltern, die ohnehin kaum Schlaf bekommen, weil die Kinder die halbe Nacht schreien. Es sind Kranke, die sich ausruhen müssen. Es sind Depressive, die im Schlaf ihre einzige Entspannung finden. Es sind Leute, die vier Jahre lang für Ferien gespart haben und am kommenden Tag für eine lange Autofahrt fit sein wollen, weil es sonst gefährlich wird.

    Und auch wenn ich keine Begründungen geschrieben
    hätte: Es sind Menschen, die ebenso das Recht auf ihr „Dings“ haben wie du sie prinzipiell auf dein „Dings“ hast.

    Nun kollidieren eure Bedürfnisse. Findest du nicht auch, dass es im Zusammenleben von Menschen üblich ist, dass stärkere auf schwächere Rücksicht nehmen und ihre Wünsche zurückstellen, die andere belasten?

  12. Pierre

    @Daniel

    Wenn ich „borniert“ lese, dann wird mir ganz anders. Ich glaube nämlich, dass die „Älteren“ bisweilen einen etwas weiteren Horizont aufweisen als diese Jungen, die hier ihre Anliegen posaunen. Ich frage mich zum Beispiel, was ihr Jungen denn als Gegenleistung für immer mehr Freiräume bereit seid zu geben? Es kann ja nicht sein, dass man etwas will, aber nichts dafür zu geben bereit ist. Das funktioniert einfach nicht so. Nirgends.

    Wenn ihr zB mithelft, als Partyorganisatoren- und teilnehmer den Dreck am nächsten Morgen aufzuräumen. Oder aber klipp und klar Farbe bekennt gegen den kleinen randalierenden Teil der Menge (die Vermummten, die Sachbeschädiger, die Rumpisser, die Sprayer), indem ihr diesen AKTIV die Grenzen aufzeigt – sie zur Rede stellt, sie verweist… etc. Ihr könnt mir nicht weismachen, dass ihr hinter diesem hässlichen Teil des Festes steht – also unternehmt etwas dagegen. Man kann nicht eine Party organisieren und den „dunklen“ Teil davon ignorieren bzw den anderen überlassen. Kümmert euch um diesen dunklen Teil. Damit zeigt ihr, dass ihr bereit seid, Verantwortung für euer Tun zu übernehmen. Und dann kann man euch als Verhandlungspartner ernstnehmen.

  13. Pierre

    Lieber Daniel

    Dein letztes Posting zeigt es deutlich: All die angekreideten Punkte (Pisserei, Sprayereien, Abfallberg etc), die dieses „Fest“ eben für viele Aussenstehende schwer zu akzeptieren machen, schiebst du einfach als hinzunehmende Übel ab, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu wollen. Mit Argumenten wie „das war schon immer so, das machen andere auch, ist doch normal“ erreicht ihr bei den Leuten, denen ihr dieses Fest schmackhaft machen wollt, genau nichts. Da ist kein Entgegenkommen spürbar, kein Verständnis für die andere Seite, keine Kompromissbereitschaft.

    Das meinte ich weiter oben mit: was seid ihr bereit, dafür zu geben, um etwas dafür zu erhalten…

    Es gibt einen Unterschied zwischen:
    „Wir wollen ein Fest machen, schauen aber, dass es in geordneten Bahnen abläuft, damit sich niemand aufregen muss“

    und

    „Wir wollen ein Fest machen, ignorieren aber die Begleiterscheinungen und überlassen diese gerne irgend jemand anderem“

  14. Martin K.

    Mit großer Freude hab ich über die Presse dieses Lebenszeichen der Berner&Schweizer Jugend erfahren!

    Tolle und kreative Aktion „Tanz dich frei“, die im übrigen auch im Ausland für Aufsehen gesorgt hat. Es gibt nicht wenige die sich solche Lebenszeichen in Ihren zu Tode gentrifizierten und langweilig gewordenen Shoppingmeilen (früher hat man es Stadt genannt) auch wünschten.

    Ich finde die Diskussion um den Müll nur lächerlich und mehr als spießig. Aus der Ferne betrachtet ist man geneigt zu denken: „Habt Ihr eigentlich keine anderen Probleme als ein paar 100 Gramm Müll pro Besucher?? Ihr müsst echt glücklich sein und lebt im Paradies ?!?“

    Da wünschte ich mir eine konstruktive Diskussion um die wirklichen Probleme im Umgang mit „Müll“ verursacht durch Schweizer Großkonzerne im Ausland in 3.Welt Ländern! Hier ein ganz aktuelles Beispiel! http://www.taz.de/!94474/

    Wenn nun alle 25 Jahre die Jugend mal aufmuckt, wird dem Ganzen sehr schnell der Deckel „wem es nicht passt kann ja gehen“ aufgesetzt.

    Wäre vielleicht mal eine sehr spannende Studie, wenn alle Auslandschweizer (ca 500 000 weltweit davon in Berlin ca 10 000) befragt würden, warum sie weggezogen sind oder warum sie nicht mehr zurückkommen wollen oder was Sie über Ihr Heimatland denken ??

    Eine gesunde Demokratie sollte problemlos mit einer solchen Kritik der Jugend umgehen können und sie Ernst nehmen und nicht als politisch unmotiviert abtun!

    In dem Sinne wünsche ich allen Friedlichen und Bunten-Protestierer in Bern und der ganzen Schweiz viel Kraft und macht weiter solche Aktionen !

  15. Pierre

    Lieber Daniel

    Ich bin auch 43jährig, meine Partnerin hat zwei Söhne im Teenageralter, ich mache regelmässig Visuals an Breakbeatsparties im Fri-Son, weiss also auch ein wenig, wie diese Welt der Jungen ausschaut. Und wenn „unsere“ Jungs Party feiern wollen, dann geht das immer, vorausgesetzt sie halten sich an die Abmachungen, die wir miteinander ausshandeln. Wenn sie ihren Mist nicht aufräumen, wenn sie die Nachbarn unverhältnismässig stören, wenn sie für ihre zerbrochenen Scheiben nicht aufkommen etc, dann gibts halt nächstes Mal keine Party mehr. Ich weiss nicht wie du das mit deinen Kindern machst. Kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass das viel anders laufen könnte.

    So ähnlich sehe ich das im grösseren Rahmen auch. Die Jungen wollen mehr Freiräume. Fein. Das ist legitim. Lass uns drüber reden. Zu welchen Bedingungen, mit welchen Kompromissen etc. Es kann nicht sein, dass sie sagen: Wir wollen das jetzt und sofort, und wenn ihr Spiesser da oben nicht spuren, dann versprayen wir halt mal schnell das Bundeshaus. So funktioniert ein Zusammenleben einfacht nicht.

  16. Daniel L.

    Die Argumente sind lächerlich, wo viele Menschen sind entsteht einfach Abfall. Die Stadt quillt nicht gerade über mit Kübeln. Übrigens putzt die Equipe jeden Sonntag Morgen, weil es sein muss. Und Toiletten hats eh nicht, und wenn, dann muss bezahlt werden. Ich kann dir auch sagen, Pierre, ich war am Samstag im Bahnhof für Fr. 1.50 pinkeln und stell dir vor, die bösen Jungen sind alle auch schön in der Reihe gestanden und haben dasselbe getan. Die Söhne deiner Partnerin verhalten sich unter 10’000 Leuten sicherlich auch etwas anders als zu Hause, du übrigens auch. Im übrigen ging der Chef der Abfallentsorgung zu mir in die Weiterbildung und ich will die Details zu den 20 Tonnen wissen.

    So, und nun Schluss zum Thema.

  17. Mark Balsiger

    Nach diesem längeren „battle of arguments“ ist man tatsächlich wieder bei Abfall und Pisse angelangt.

    Themenwechsel: Heute war Juso-Präsident David Roth Gast in meinem Polito-Modul an der Schweizer Journalistenschule MAZ, Luzern. Wir unterhielten uns auch lange über die Veranstaltung in Bern mit all ihren Schattierungen.

    In seinem Blog-Posting fand ich eine zentrale Aussage zum Thema:

    „Bewegungen leben davon, dass sie aus einer diffusen Unzufriedenheit heraus entstehen und sich sukzessive politisieren.“

  18. Pierre

    Naja, man wird sehen, wie sich diese „Bewegung“ (so es denn wirklich eine ist) künftig artikuliert. Solange die Motivation so schwammig und unklar bleibt, wird sich auch nichts verändern.

    – «Wir wollen mehr Freiräume, weil uns das aktuelle riesige Party-, Festival- und Clubangebot nicht reicht»

    – «Wir wollen zu jeder Tages- und Nachtzeit Rambazamba machen, egal ob wir die Anwohner in ihrer Lebensqualität einschränken und die Nachtruhe stören»

    – «Wir wollen Urbane Zonen für uns, die Anwohner sollen halt wegziehen»
    – «Wir sind eine Minderheit, und wie in jeder Demokratie hat sich die Mehrheit uns anzupassen»

    Naja, wir werden sehen.

  19. Titus

    Es ist kein Zufall, dass sich Industriezonen immer ausserhalb der Wohngebiete befinden. So bleibt u. a. der Lärm des Werkverkehrs und der Industrieanlagen fernab jener Zonen, wo sich jeder Ruhe und Erholung wünscht. Paradoxerweise ist es heute allerdings in vielen Industriezonen abends, nachts und am Wochenende ruhiger als in so mancher Innenstadt.

    Wohl auch deshalb gab es hier in Biel schon das Gedankenspiel, man möge doch die Lokale der „Ausgehmeile“ zu einem Umzug in die Industriezone bewegen. Da stört es dann niemanden, wenn die Lokale selber, aber auch deren Besucher wiederholt lauter sind als es für die Bewohner einer Innenstadt erträglich ist.

    Es dauerte nicht lange, bis Befürchtungen geäussert wurden, wonach dann die Innenstadt veröde. Allerdings kann das Gleiche umgekehrt auch passieren: Wohnungen in Stadtzentren werden durch den zunehmenden Lärm unattraktiv, können an Private kaum mehr vermietet oder verkauft werden und verwaisen. Dass dem heute (noch) nicht so ist, kann wohl auch dem knappen Wohnungsangebot zugeschrieben werden.

    Da eine lärmige Fabrik auch nicht mitten in einem Stadtzentrum gebaut werden kann – und umgekehrt ein Club auch nicht inmitten eines beschaulichen Wohn(aussen)quartiers bewilligt würde – darf man sich schon fragen, weshalb das für Ausgehlokale anders sein soll, von denen man aufgrund ihres Bestimmungszwecks bereits im Voraus weiss, dass sie oder deren Besucher lärmig sein werden.

    Nicht zu unterschätzen ist die „Qualität“ des Lärms: Ein regelmässiges Brummen irgendeiner Fabrikanlage wirkt weniger störend als das plötzliche Auftreten von menschlichen Stimmen.

    Nichtsdestotrotz kann ich verstehen, wenn der Ruf nach mehr Freiräumen laut wird. Ähnlich halte ich es bezüglich der Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung: Spass ist heute nur gegen Stutz zu haben.

    Nur: Wer 20 Tonnen Abfall hinterlässt, liefert nicht gerade den Beweis dafür, dass es auch ohne andauerndes Konsumieren geht. Und wer mehr Partylokale und ähnliches fordert, der ruft ja geradezu nach weiteren Konsumtempeln. Oder erwartet etwa jemand, dass diese von der öffentlichen Hand betrieben werden und es Freibier für alle gibt?

  20. bugsierer

    die debatte der letzten tage war spannend. auf der einen seite irritierte politiker, auf der anderen seite angriffslustige und knallhart polemisierende nachtleben-protagonisten.

    was mich nach wie vor am meisten erstaunt: hierzulande protestiert die jugend für mehr ausgang, derweil gibts z.b. morgen in D gut zwei dutzend demos gegen ACTA:

    http://wiki.stoppacta-protest.info/DE:Übersicht_Demos3

  21. Daniel L.

    Aus den 20 Tonnen wurden inzwischen 10 Tonnen, und von diesen sollen 3 bis 4 Tonnen abgezogen werden. Immer schön, wie die Medien was wiedergeben und sich dann all die Gegner darauf stürzen ohne etwas zu hinterfragen (siehe meine vorangehenden Postings).

  22. Mark Balsiger

    @ Daniel L.

    Dass der Abfallberg bedeutend geringer war als am Anfang gemeldet, haben die Medien korrekt verbreitet.

    Spannender wäre Ihre Einschätzung zur Absage des „Freiraum“-Kongresses.

  23. Daniel L.

    Die 20 Tonnen wurden höchst unkritisch wiedergegeben und nie hinterfragt. Erst einen Monat später, bei Korrektur von Herrn Nause, wurde präzisiert. Ob das allerdings in allen Blättern geschah, bezweifle ich.

  24. Daniel L.

    Zum Kongress: Wiederrum „gäbig“ für den Pierre, der der besoffenen Jugend eh nichts zutraut (wie oft war er denn selber wohl schon an einem viertätigen Kongress zugegen). Meinerseits wusste ich im Vorfeld nichts von einem solchen, habe also erst via Presse davon erfahren. Mitunter ist der Kongress dann wohl etwas zu ambitioniert angesetzt, meine Meinung. Ich könnte also nicht vier Tage hingehen.

    Ich habe mich aber um die Teilnahme am „Runden Tisch“ von Herr Tschäppät bemüht (er sagte ja damals, dass alle erwünscht wären), wurde aber nicht zugelassen, eine Liste mit den Teilnehmenden wurde mir aber zugestellt (siehe nachfolgend). Reine Interessenvertreter, Otto Normalbürger bleibt draussen. So habe ich mich bei der neu geschaffenen „BuCK“ gemeldet, welche eben Otto Normalbürger sich im Beisein wünscht(e), leider aber auch nichts mehr gehört.

    Die Diskussion hat sich merklich abgekühlt (Ferienzeit, wenig los in der Stadt) oder wird bewusst so gehalten. Ich gehe aber schon davon aus, dass es ab dem Herbst wieder kommt, wenn all die Agglokinder wieder feiern wollen. Irgendwie so.

    Übrigens waren wir eben in Berlin, dem sag ich mal Stadt und Nachtleben.

    Einladungsliste Runder Tisch Nachtleben

    Teilnehmende Runder Tisch vom 2. Juli 2012

    1. Fraktion SP/JUSO
    Annette Lehmann
    Schläflistrasse 10
    3013 Bern

    2. Fraktion FDP
    Bernhard Eicher
    Schönburgstrasse 23
    3013 Bern

    3. Fraktion GB/JA! Stéphanie Penher
    Tavelweg 6
    3006 Bern

    Hasim Sancar (Co-Präsidium)
    Wiesenstrasse 68
    3014 Bern

    4. Fraktion GFL/EVP
    Daniel Klauser
    Beaulieustrasse 88
    3012 Bern

    5. Fraktion SVPplus
    Roland Jakob
    Könizstrasse 82
    3008 Bern

    6. Fraktion GLP
    Michael Köpfli
    Weingartstrasse 57
    3014 Bern

    7. Fraktion BDP/CVP
    Kurt Hirsbrunner
    Nussbaumstrasse 16
    3006 Bern

    Béatrice Wertli (Co-Präsidium)
    Brunnadernstrasse 1A
    3006 Bern

    8. GastroBern
    Standstrasse 8
    Postfach 766
    3000 Bern 22

    9. Hotellerie Bern + Mittelland
    Standstrasse 8
    Postfach 766
    3000 Bern 22

    10. Hauseigentümerverband Bern und Umgebung
    Schwarztorstrasse 31
    Postfach 338
    3000 Bern 14

    11. Mieterverband Bern
    Geschäftsleiterin Margrith Beyeler
    Monbijoustrasse 61, 3007 Bern
    Postfach 3000 Bern 23

    12. Burgergemeinde
    Burgerkanzlei
    Amthausgasse 5
    Postfach 234, 3000 Bern 7

    13. BernCity
    Neuengasse 20
    Postfach 709
    3000 Bern 7

    14. Vereinigte Altstadtleiste
    Simone Mülchi
    Postfach
    3000 Bern 8

    15. BeKult
    Dachverband Berner Kulturveranstalter
    Wyttenbachstrasse 31
    3013 Bern

    16. Verein Pro Nachtleben
    Thomas Berger
    Schärerstrasse 9
    3014 Bern

    17. Verein Petzi
    Postfach 679
    8038 Zürich

    18. Interessensgemeinschaft Kulturraum Reitschule IKuR
    Neubrückstrasse 8
    Postfach 5053
    3011 Bern

    19. BUCK Bern
    Terry Loosli
    Postgasse 60
    3011 Bern

    20. Trägerverein für die offene Jugendarbeit der Stadt Bern
    Geschäftsleitung
    Tscharnerstrasse 39
    3007 Bern

    21. IG-Aarbergergasse
    Bernhard Hüsser
    Aarbergergasse 24
    3011 Bern

    22. Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland
    Christoph Lerch
    Regierungsstatthalter
    Poststrasse 25
    3071 Ostermundigen

    23. Reto Nause
    Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie
    Nägeligasse 2
    Postfach
    3000 Bern 7

    24. Alexander Tschäppät
    Stadtpräsident
    Präsidialdirektion
    Junkerngasse 47
    Postfach
    3000 Bern 8

    Moderation:
    Urs Wiedmer, SRF (Arena)

    Als Beobachtende:
    25. Marc Heeb, Leiter Orts- und Gewerbepolizei
    26. Jürg Häberli, Leiter Jugendamt
    27. Walter Matter, Leiter Entsorgung und Recycling
    28. Manuel Willi, Chef Regionalpolizei Bern
    29. Silvio Flückiger, Leiter Pinto
    30. Veronica Schaller, Leiterin Abteilung Kulturelles
    31. Martin Baumann, Bauinspektor
    32. Mark Werren, Stadtplaner

    Medien:
    Separate Einladung.

  25. Pierre

    @ Daniel
    „Wiederrum “gäbig” für den Pierre, der der besoffenen Jugend eh nichts zutraut (wie oft war er denn selber wohl schon an einem viertätigen Kongress zugegen). “

    Bitte unterlasse doch solche Unterstellungen künftig, ja? Du hast keine Ahnung von mir, von meinem sozialen Engagements, meinen ausserberuflichen Tätigkeiten.

    Und im Gegensatz zu dir lösche ich auch meine Beiträge hier nicht feige.

  26. Daniel L.

    Ich habe nie was gelöscht, also bitte. Ich habe Herrn Balsiger extra diesbezüglich eine Mail geschrieben, wo die Beiträge denn wären (auch zu beweisen). Also, bitte, den feige nimm dann mal schnell retour.

    Und wo ist denn das Engagement? Bin gespannt.

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