Ob Grass, Lafontaine oder Westerwelle – die Welle blieb stets aus

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Guido Westerwelle (rechts aussen) war gestern in der Schweiz. Der Vorsitzende der deutschen FDP hielt am Abend in Thun einen Vortrag zum Thema „Die Chancen der Globalisierung“. Tagsüber stattete er der Schweizer Schwesterpartei einen Kurzbesuch ab. Im Bundeshaus machte Westerwelle der freisinnigen Bundeshausfraktion Mut. „Die Wähler entscheiden und nicht die Umfragen“, soll er gesagt haben.

Bei den Bundestagswahlen 2005 erreichte seine Partei 9,8 Prozent, einen Drittel mehr als prognostiziert. Das ist beachtlich für eine Partei, die seit vielen Jahren verschiedentlich das Zünglein an der Waage spielt und je nachdem mit der SPD oder CDU/CSU koalierte.

Unvergessen ist Westerwelles Spasswahlkampf im Jahre 2002 – damals noch mit dem Guidomobil und einem umtriebigen, ja durchtriebenen Jürgen Möllemann an der Seite. Statt den anvisierten 18 Prozent reichte es für einen Wähleranteil von 7,4 Prozent.

Westerwelles Stippvisite schlug sich in den Schweizer Medien kaum nieder. Einzig „Tages-Anzeiger“, „Südostschweiz“, „Bund“ und NZZ berichteten kurz – die FDP hat eine Chance zu wenig genutzt. So genannte „foto opportunities“ mit einer Politgrösse dieses Kalibers darf man sich nicht entgehen lassen, man hätte sie inszenieren müssen. Das wäre die perfekte Welle in der Schlussphase des FDP-Wahlkampfes gewesen!

Besuche von prominenten Deutschen sind im Schweizer Wahlkampf nichts Neues. 1967 kam Günter Grass auf Einladung der progressiv-linksliberalen Bewegung „Team 67“ in den Kanton Aargau. Nicht weniger als 500 Besucher wollten Grass sehen.

Übrigens: Aus dem „Team 67“ gingen u.a. zwei Politisierende mit nationaler Ausstrahlung hervor: Ursula Mauch, 1979 bis 1995 Nationalrätin und einige Jahre Präsidentin der SP-Bundeshausfraktion, sowie Ulrich Fischer, bis 2003 Nationalrat der FDP. Vielen ist er noch als „Atomueli“ bekannt, einer der treibenden Köpfe hinter dem geplanten AKW/KKW (ob Atom- oder Kernkraftwerk, ich bleibe gespalten) Kaiseraugst. 1988 wurde dieses Projekt auf Grund des erbitterten Widerstands der Bevölkerung endgültig fallen gelassen, Fischer war zu diesem Zeitpunkt bereits der Sprung ins eidgenössische Parlament geglückt.

In den neunziger Jahren wiederum beglückte Oskar Lafontaine, damals noch in einer Führungsfunktion bei der SPD sowie Ministerpräsident des Saarlandes, die SP Schweiz im Wahlkampf. Erwin Teufel (CDU) wiederum, bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Würtemberg, besuchte einmal die CVP.

Keiner der hohen deutschen Besuche vermochte den jeweiligen Parteien übrigens Schub zu verleihen. Das “Team 67” beispielsweise holte bei den Nationalratswahlen 1967 weniger als 5000 Stimmen.

Mark Balsiger

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