Gratiszeitungen vermüllen die Bahnhöfe und fördern die Integration

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“News”- schon am frühen Morgen beim Kaffee. Bei der Lektüre der bezahlten Qualitätszeitungen. Links im Blatt, ganzseitige Inserate, vierfarbig: Ein Mann, ganz in Schwarz, die Roger-Staub-Mütze übergezogen, das Gewehr schussbereit. Wir dürfen annehmen, dass es sich um einen Terroristen oder Freiheitskämpfer handelt. Es ist ein Bild wie wir sie schon zu Tausenden gesehen haben. Aus dem Nahen Osten. Den Krisenherden in Afrika. Afghanistan.

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Die Werber, die die neue Gratiszeitung “News” anpreisen, haben den ersten Test nicht bestanden. Konflikte, Schiessereien und dergleichen fernab der Heimat – das ist ein Overkill. Solche News interessieren uns kaum mehr, so abgebrüht, ja zynisch das klingen mag.

Doch zurück zu “News”: Branchenkenner sagen, dass es im Deutschschweizer Markt Platz für zwei Gratiszeitungen hat. Über Sein oder Nichtsein entscheidet nicht der Inhalt und das Layout. Wichtiger sind:

– die Werbewirtschaft
– die Potenz und Geduld der Investoren
– die Auflage, die die WEMF in einem Jahr erheben wird
– das Verhalten der Konkurrenz

“20 Minuten” hat sich längst etabliert und ist inzwischen klar die auflagenstärkste Zeitung. Bleibt der Kampf um Platz zwei. “News” sei nur lanciert worden, um das andere Gratisblatt “.ch” wieder vom Markt zu drängen. So die Behauptung, die sich hartnäckig hält. Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der “Berner Zeitung”, hielt am letzten Berner Medientag dagegen: “Wenn wir dieses Produkt nicht lanciert hätten, würde das ein ausländischer Verlag tun.”

Ich befasste mich vor einigen Jahren intensiv mit dem damals neuen Phänomen Gratiszeitung, diese Arbeit ist elektronisch leider nicht verfügbar. Das Forschungsobjekt war “Metro”, eine Zeitung, die von Sao Paolo bis Stockholm in etwa 100 grossen Städten mit Erfolg verbreitet wird. In der Schweiz hiess das Tochterblatt “Metropol”, dessen Produktion Anfang 2002 wieder eingestellt wurde.

Die Macher von “Metro” wollen einerseits der jungen Generation das Lesen von Zeitungen schmackhaft machen. Später, im Alter von 35 bis 40 Jahren, sollen sie an die Qualitätszeitungen herangeführt werden. Eine soeben veröffentlichte Studie des deutschen Journalistikprofessors Michael Haller zeigt auf, dass in diesem Alter das Bedürfnis nach vertiefter Information steigt.

Eine andere Zielgruppe: Migratinnen und Migranten, die die Landessprache(n) teilweise nur rudimentär beherrschen. Mit der regelmässigen Lektüre einer Gratiszeitung können sie ihre Sprachkompetenz sukzessive auf- und ausbauen, was wiederum die Integration dieser Menschen fördert. Auffälliger ist seit gestern die noch verstärktere Vermüllung der Bahnhöfe und Busstationen durch die Gratiszeitungen.

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