Mit Christian Dorer wird ein kreativer Kopf Chefredaktor der “Mittelland Zeitung”

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Als wir uns zum ersten Mal begegneten, hatte er gerade den Stimmbruch hinter sich. Am Wochenende wurde seine Ernennung zum Chefredaktoren der “Mittelland Zeitung” publik. Christian Dorer konnte schon als Kantonsschüler ausgezeichnet schreiben, ab Februar 2009 wird der 33-jährige eine der auflagenstärksten Tageszeitungen der Schweiz führen. Eine steile Karriere.

Dorer verdingte sich als freier Mitarbeiter beim damaligen “Aargauer Tagblatt”, schrieb über Jungbürgerfeiern und Turnerabende, Vernissagen und Fasnachtsumzüge. Die Abgabe der Manuskripte wurde jeweils am Folgetag um 14 Uhr erwartet – eine Auflage, die einen lernt, effizient zu arbeiten. Gerade weil die Veranstaltungen oft bis tief in den Abend hinein dauerten und am nächsten Morgen wieder die Schule im Vordergrund stehen musste. Womöglich profitierte Dorer auch vom Gen in der Familie: seine Mutter ist seit vielen Jahren als Redaktorin tätig.

Nach einem abgebrochenen Studium, einem Abstecher in eine Lokalredaktion der “Aargauer Zeitung” und der Ringier-Journalistenschule arbeitete Dorer ab 2001 im Bundeshaus. Zuerst für den “Blick”, später für den “SonntagsBlick”, dessen stellvertretender Chefredaktor er vor zwei Jahren wurde. “Puuh, Boulevard!”, reklamiert da jemand. Falsch, finde ich. Dorer hat es bei Ringier verstanden, komplexe Sachverhalte konzis und unverzerrt auf den Punkt zu bringen.

Christian Dorer ist kreativ, er bringt immer wieder eigene, gut recherchierte Geschichten. Zudem ist er neugierig, richtig neugierig. Unvoreingenommen geht auf seine Gesprächpartner ein, hört ihnen gut zu, fragt nach. Das scheint mir besonders wichtig, denn: viele Medienschaffende haben heute keine Fragen mehr – bestensfalls noch Suggestivfragen. Der Thesenjournalismus grassiert. Das ist nicht Dorers Ding.

Er hat eine weitere Qualität: Im Gegensatz zu anderen Medienschaffenden plustert sich Dorer nicht auf, er interpretiert seine Rolle als Beobachter und Beleuchter, nicht als Akteur. Im Auftritt ist er bescheiden und hoch anständig. Ich erinnere mich, wie ich ihn letztes Jahr im Bundeshaus sah. Er traf sich mit einer Bundesrätin zu einem Interview.

Nach eigenen Angaben versteht sich Dorer auch in Zukunft als Journalist. Seit einigen Jahren sind Chefredaktoren vorab als Manager tätig, kaum mehr als Publizisten. Das hat mit dem enormen Konkurrenzkampf zu tun. Im Mittelpunkt stehen Auflagen, Budgets und die Bedürfnisse der Werbewirtschaft. Der redaktionelle Teil wird schleichend marginalisiert, in den Redaktionen sitzt die Angst vor der nächsten Sparrunde, Entlassungen und Einstellungen.

Wir dürfen gespannt sein, wie Christian Dorer sich und sein Blatt in diesem schwierigen Umfeld positioniert. Der Anspruch von Verleger Peter Wanner ist seit Jahren derselbe: Die “Mittelland Zeitung” soll eine publizistische Stimme werden, die auf nationaler Ebene wahrgenommen wird. Dorer wird auch intern kämpfen und sich durchsetzen müssen. Die Messer sind gewetzt, nicht alle mögen dem Wiederzuzüger den neuen Job gönnen.

Foto Christian Dorer: www.is.blick.ch

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