Materialschlachten statt Debatten

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Der Wahlkampf sei „stinklangweilig“, befand „Weltwoche“-Chef Roger Köppel unlängst. Die Speerspitze der Schweizer Publizistik kam mehrheitlich zum selben Schluss und einigte sich auf das Adjektiv „fad“. Ein unvollständiger und kritischer Rückblick auf den Wahlkampf 2011, der bereits am 12. Dezember 2007 begonnen hatte.

In den letzten vier Wochen tobte eine Materialschlacht, wie wir sie in einem Wahljahr noch nie erlebt hatten. Plakatschlachten, Inserateschlachten, Leserbriefschlachten, vollgestopfte Briefkästen, E-Mails à gogo, zugemüllte Timelines auf Facebook und Twitter. Und viele, viele Ausrufezeichen.

Was ist davon haften geblieben? Was hat zur Meinungsbildung, zur Mobilisierung und schliesslich zum Wahlentscheid für Partei X oder Kandidat Y geführt?

Die handwerkliche Qualität der Werbemittel, Medien und Give-Aways liess in vielen Fällen zu wünschen übrig, teilweise war sie schlicht peinlich. Da wurden Millionen verpulvert, ohne auch nur die geringste Wirkung erzielt zu haben.

Die Rekordzahl von Kandidaturen (rund 3500) und Listen (mehr als 300) führte zu einer weiteren Verwässerung des Wahlkampfes. Nicht einmal die grossen Themen wurden vertieft diskutiert, es ist eine zunehmende Entpolitisierung festzustellen, die Berichterstattung verzottelt, Analysen und Einordnungen kriegen weniger Platz.

Die nationalen Parteien machten grundsätzlich einen guten Job. In den Generalsekretariaten ist viel Know-how vorhanden, so früh wie noch nie begannen sie mit den Vorbereitungen. Aber mit 12 bis 20 Vollzeitstellen sind ihre Möglichkeiten stark limitiert. Der Verlust bei der Weitervermittlung auf die Ebenen der Kantonal- und Ortsparteien und Kandidierenden war gross. Der Föderalismus, das Milizprinzip und die bescheidenen Ressourcen verunmöglichen stringente und druckvolle Kampagnen.

Erstmals wurde augenfällig, dass die Basis der etablierten Parteien erodiert. Sie haben in den letzten 15 Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Mitglieder verloren. An allen Ecken und Enden fehlen die Leute, die Flugblätter verteilen, Unterschriften sammeln, Geld spenden und ihr eigenes Umfeld mobilisieren.

Plusminus einen Prozentpunkt hier, Plusminus zwei Sitze dort – darum geht es am 23. Oktober. Wirklich wichtig ist das nicht. Es geht definitiv nicht um Richtungswahlen, wie uns das einige Akteure immer wieder suggerierten. Der Wahlausgang am Sonntag ändert kaum etwas und wirkliche Kämpfernaturen sind wir Schweizerinnen und Schweizer in den Jahrzehnten des zunehmenden Wohlstands auch nicht geworden.

Die Agenda des Wahljahres 2011 wurde von zwei eigentlichen Mega-Ereignissen geprägt: Zuerst vom Super-Gau in Japan, später von der Dollar- und Euroschwäche, die mit ihren direkten Auswirkungen über Jahren hinweg ein dominierendes Problem bleiben werden. Fukushima und die Frankenstärke haben die Strategien und Wahlkampagnen der Schweizer Parteien über Nacht davongeschwemmt. Welle um Welle rollte mit brachialer Kraft heran, so dass die Reaktionen mit Sandsäcken und Rettungsbootli hilflos wirkten.

Der Wahlkampf 2011 hat bereits am 12. Dezember 2007 begonnen, am Tag als Eveline Widmer-Schlumpf anstelle von Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt wurde – eine Landmarke in der Schweizer Politik. Mit der Abwahl ihrer messianisch verehrten Leaderfigur radikalisierte sich die SVP weiter, was im Sommer 2008 zur Gründung der BDP führte. Diese Konstellation legte die Basis für den permanenten Wahlkampf, mit dem sich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer schwer tut.

Der permanente Wahlkampf hat zur Folge, dass die nationalen Parteien ausgepowert sind, sie konnten in den letzten Monaten nicht mehr nachlegen. Diesen Part übernahmen die Onlinemedien, die in den letzten Jahren kräftig an Reichweite zulegten und in hoher Kadenz fast jeden Winkelzug und jede Aktion aufgreifen. Die Instant-Berichterstattung über den Wahlkampf ist deutlich gestiegen.

Mark Balsiger

Fotos:
– Schafherde: die deutschen bauern
– SVP-1.-August-Werbung: Mark Balsiger
– SP-Hund: via Facebook/Evi Allemann
– Wahlmaterial: keystone

 

 

2 Comments on “Materialschlachten statt Debatten”

  1. Bruno

    Wahlkampf? Erstens hasse ich dieses Wort. Politik ist kein Kampf und kein Krieg. Sollte es nicht sein.

    Langweilig? Fad? Dient die Vorwahlzeit der Belustigung von Köppel & Co.?

    Aber im Grundsatz bin ich einverstanden: Parteien sind ausgepowert, ihnen fehlt die Basis und sie erschöpfen sich in blödstem Politmarketing.

    Wir haben andere Parteien verdient.

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