Guerilla-Aktion zieht Kandidierende an

Publiziert am

In den letzten Monaten habe ich unzählige Plakate, Inserate, Postkarten, Flyer und Give-Aways von National- und Ständeratskandidierenden betrachtet – und ein paar selber gestaltet.

Ich teile die Werbemittel jeweils in drei Kategorien ein:
– ausgezeichnet
– 08/15
– grottenschlecht

Das Prädikat „ausgezeichnet“ konnte ich bislang nur selten vergeben, mit verdeckter Kollegenschelte hat das nichts zu tun. Oftmals liegt das an den Auftraggebern, die keinen Mut haben, neue Wege zu beschreiten.

Die Politwerbung in der Schweiz ist konventionell und langweilig. So kann es nicht erstaunen, dass bei Wahlkampagnen die Guerilla-Werbung noch kaum Einzug gehalten hat. Ich erinnere mich einzig an die Aktion einer Kantonalpartei: Frühmorgens schwärmten die Mitglieder aus und klebten Post-it-Blättchen mir ihrem Slogan und Parteilogo auf eine Pendlerzeitung. Tausende von Exemplaren wurden so, noch unberührt in den Boxen schlummernd, verziert.

Die Aktion hatte aber angeblich ein dickes Ende: Der Verlag klagte die Partei ein und die Busse – pardon, ich kann es aus zeitlichen Gründen nicht verifizieren –, soll happig gewesen sein.

Eine Guerilla-Aktion verübte die Junge EVP in der Nacht auf Dienstag. Sie überklebten zwei Plakate der Migros Models, die für den Nationalrat kandidieren. Eines im Bahnhof Winterthur, das andere im Zürcher Hauptbahnhof. „Kleidet die Nackten!“ heisse es schon in der Bibel, schreiben die Jungpolitiker. Auf den neuen Plakaten waren die Models wieder angezogen…

Ich finde diese Aktion gelungen, weil nicht sie nicht auf Effekthascherei setzt. Zudem wurde ein Spezialkleber verwendet. So können die Kleider im Nu wieder entfernt werden – ohne Rückstände.

Alle Beteiligten profitieren von der Guerilla-Aktion: die Migros erhält mehr Publizität für ihre Wäschekampagne, die kandidierenden Models ebenso, und die Junge EVP hat ihr Anliegen in die Medien gebracht. Hintergrund: Vor Jahresfrist hat die Junge EVP eine Petition gegen sexistische Werbung eingereicht.

Zurück zu den Models, die für den Nationalrat kandidieren. “Anything Goes”, scheint sich im Wahlkampf durchzusetzen. Es besteht die Gefahr, dass Mirjam Arnold (oben in Unterwäsche, unten dank der EVP wieder bekleidet) und Co. auch in einigen Jahren immer noch mit dieser Plakatkampagne in Verbindung gebracht werden. Und das wäre dereinst womöglich nicht mehr erwünscht. Ich habe einer Mandantin, die wir dieses Jahr beraten, von der Teilnahme an den Wäsche-Shootings abgeraten.

Mark Balsiger

One Comment on “Guerilla-Aktion zieht Kandidierende an”

  1. Pingback: Werbeformen im Zeitalter von Web 2.0 » Blog Archive » Dessous-Plakate in Guerilla-Aktion überklebt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.