Eine «Institution» geht in Pension

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Seit ich mich erinnern kann, berichtet Hanspeter Trütsch für das Schweizer Fernsehen SRF aus dem Bundeshaus. Vor zwei Tagen hatte er dort seinen letzten Arbeitstag, jetzt ist er Pensionär.

Trütsch war ein ausgezeichneter Beobachter, seine Sprache schnörkellos, die Analyse scharf. Wenn es die Situation erforderte, übersetzte der Sankt Galler mit Igelfrisur wichtige Medienkonferenzen oder Bundesratswahlen simultan aus anderen Landessprachen.

Nur wenige kennen die Feinmechanik der Bundespolitik so gut wie er. Er war freundlich, aber nie jovial, professionell, aber nie geschmeidig. Er machte seinen Job, und das bis ganz am Schluss mit Neugierde, Offenheit und Leidenschaft. Sich selber nahm er nie wichtig, aus seinem Gesichtsausdruck konnte man feine Selbstironie lesen, Trütsch blieb bescheiden und zurückhaltend.

Gerade in der schwierigsten Disziplin eines Fernsehkorrespondenten, den Duplex-Interviews, die von der «Tagesschau» wie von «10vor10» seit Jahren oft – zu oft – eingebaut werden, spielte Trütsch seine Qualitäten aus: konzentriert, klar, klug.

In den letzten 15 Jahren hatte ich ab und an mit ihm zu tun. Er war stets fair und verlässlich, behielt die professionelle Distanz zu allen Akteuren – und er blieb mit ihnen auch per Sie. Im Gegensatz zu vielen anderen Bundeshauskorrespondenten erlag Trütsch nie den Verlockungen der Macht, er wollte nie mitmischeln. Seine Rolle war eine andere: Er beobachtete, rapportierte, ordnete ein und wurde so zu einer «Institution».

Jenseits von digitaler Disruption und Ausdünnung von Redaktionen: Gäbe es mehr Hanspeter Trütschs, stünde es besser um den Journalismus in der Schweiz.

Mark Balsiger 

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