Ein Ja zu “No Billag” würde die SRG zerschlagen

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Einem Naturgesetz gleich purzeln Rechnungen in unsere Briefkästen – von der Zahnärztin, einem Modeversandhaus, Versicherungen und – Hell yeah! – einmal pro Jahr von einer Firma namens Billag AG.

Im nächsten Frühling werden wir über die „No-Billag“-Volksinitiative abstimmen. Bei Diskussionen in meinem Umfeld stellte ich fest, dass viele Leute noch nicht recht wissen, worum es eigentlich geht. Dem will ich abhelfen. Dieser Text soll aufklären, gegen Schluss werde ich allerdings parteiisch. [+ Nachträgliche Anpassung: bereits ab der Mitte dieses Postings werde ich parteiisch, pardon. +]

Die Billag AG ist eine Tochterfirma der Swisscom und in Fribourg domiziliert. Seit bald 20 Jahren erhebt sie die Radio- und TV-Empfangsgebühren. Diese betragen pro Privathaushalt 452 Franken jährlich. Sie wurden seit 1995 nicht mehr erhöht, sondern lediglich ein paarmal der Teuerung angepasst. Dass die Inkassofirma dennoch Jahr für Jahr mehr Geld verteilen kann, liegt an der stetig wachsenden Anzahl Haushalte. (Ende 2016 gab es davon 3,7 Millionen, fast 15 Prozent mehr als vor 20 Jahren.)

Mitte nächsten Jahres, spätestens aber auf 1. Januar 2019, sinken die Billag-Gebühren auf 400 Franken.

Wie viel die Jahresabonnements einzelner Zeitungen kosten:

– „Der Landbote“ (Winterthur): 434 Franken
– „Luzerner Zeitung“: 448 Franken
– „NZZ“ Print 684, nur digital 504 Franken
– „Südostschweiz“: 419 Franken
– „Tages-Anzeiger“ Print: 548, nur digital 314 Franken

(Es geht hier nicht darum, Zeitungen und SRG gegeneinander auszuspielen, sondern aufzuzeigen, was Qualitätsmedien heute kosten.)

Pro Haushalt werden im Durchschnitt jährlich 2770 Franken für „Medien“ ausgegeben. Das umfasst Bücher, Kino, Radio, TV, Zeitungen und Zeitschriften.

Stellen wir die Billag-Gebühren in ein Verhältnis: Pro Tag kosten sie uns 1 Franken 19, ab nächstem Jahr noch 1 Franken 10, pro Woche also ungefähr so viel wie zwei Tassen Kaffee.

In keinem anderen europäischen Land sind die Radio- und TV-Empfangsgebühren so hoch wie in der Schweiz. Das hat einen einfachen Grund: Die SRG hat den Auftrag, in vier Landessprachen Service public zu liefern. Könnte sie in nur einer Sprache produzieren, wären die Gebühren markant tiefer. Die Programme in der Romandie, im Tessin und in der rätoromanischen Schweiz müssen massiv quersubventioniert werden – das ist Solidarität, wie sie in unserem Land Tradition hat. Diese Solidarität hält die vier Sprachregionen zusammen, im Fall der Billag-Gebühren ist sie monetärer Natur.


Der Löwenanteil im Billag-Topf
geht an die SRG. Davon profitieren aber auch 34 verschiedene Lokalradios und regionale TV-Stationen. Ein Beispiel: Radio Rottu bedient das Oberwallis mit Informationen aus seinem Sendegebiet, von Leukerbad bis zur Grimsel, vom Lötschental bis nach Saas Fee. Das Jahresbudget des Senders beträgt 4 Millionen Franken, 1,6 Millionen davon, also 40 Prozent, erhält er aus dem Billag-Topf. Wird die Volksinitiative angenommen, trifft das Radio Rottu in seinem Kern; die wirtschaftliche Basis für den Betrieb wäre nicht mehr vorhanden.

Ähnlich düster sähe es für die 33 anderen Radio- und TV-Stationen aus. André Moesch, Präsident von Telesuisse, dem Verband der Schweizer Regionalfernsehen, braucht deutliche Worte: „Ohne diese Gebühren kann man in der Schweiz kein Regionalfernsehen machen.“ Libertäre Kräfte entgegnen: „So what, wer im Markt nicht besteht, verschwindet halt.“

Ich persönlich finde Wettbewerb richtig, meine Firma ist seit 15 Jahren in einem sehr kompetitiven Umfeld unterwegs, ich kenne nichts anderes. Tatsache ist aber auch, dass der Markt in vielen Bereichen nicht spielt. Ein populäres Beispiel dafür ist die Landwirtschaft in der Schweiz.

Für die „No-Billag“-Initianten sind die 34 privaten Sender nicht einmal ein Nebenschauplatz, sie zielen auf die verhasste SRG. Perfid ist, dass sich ihre Kampfbegriffe „No Billag“ und „Zwangsgebühren“ längst in den Köpfen der Leute festgekrallt haben. Sie suggerieren, dass wir ja nur über die Gebühren abstimmen. Die Realität sieht anders aus: „No Billag“ würde “No more SRG” bedeuten – Lichterlöschen.

Wer sich mit Medienökonomie befasst, merkt schnell: Die Schweiz mit ihren vier Sprachregionen ist zu klein für einen nationalen TV-Markt. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, ein qualitativ überzeugendes Vollprogramm ohne Gebühren zu betreiben, Marktlogik und Service public beissen sich.

Was passiert, wenn die Medienzerschlagungsinitiative, wie ich sie bezeichne, angenommen wird? Neue Akteure träten auf den Plan, vorab in der Deutschschweiz, die immerhin rund fünf Millionen Einwohner zählt. Sie sind gewinnorientiert und haben womöglich auch eine politische Agenda. Ihr Programm richtet sich ausschliesslich nach kommerziellen Kriterien: Gezeigt wird, was Quote und damit Geld bringt. Dabei muss man wissen: Die Sparte Information ist kostenintensiv; entsprechend würde sie ein Mauerblümchendasein fristen. Eine solide Demokratie braucht aber starke Medien.

Die SRG ist ein privatrechtlich organisierter Verein mit rund 24’000 Mitgliedern. Sie wirkt als Non-Profit-Unternehmen, das ein ausgewogenes Programm bietet und ihren Kritikern regelmässig eine Plattform. Denken wir nur an die Nationalräte Roger Köppel (SVP), Gerhard Pfister (CVP), Christian Wasserfallen (FDP) oder Natalie Rickli (SVP). Letztere arbeitet seit mehr als zehn Jahren für Goldbach Media, einer Vermarktungsfirma, die die Werbefenster der grossen ausländischen TV-Stationen beliefert – so fliessen jedes Jahr x-Millionen Franken zu Sat1 & Co. ab.

Doch zurück zur SRG: Die Zusammenführung von Radio und Fernsehen war komplex (Konvergenz), der Umbau in die digitale Zukunft ist in vollem Gang, die grossen Medienhäuser machen Stimmung, fast täglich gibt es Prügel. Die SRG hat Fehler gemacht, und mit Generaldirektor Roger De Weck war bis im September ein Repräsentant am Werk, der bei vielen Leuten nicht ankam. Er wäre seine Aufgabe gewesen, dem Volk die zentrale Aufgabe, welche die SRG-Sender in unserem Land hat, zu erklären.

Natürlich, längst nicht jede Sendung ist gut, natürlich, die Gründung der Vermarktungsplattform Admeira (zusammen mit Ringier und Swisscom) war eine Provokation, natürlich, die SRG muss wieder schlanker werden, aber “Die Liste der Qualität”, diese Liste ist lang:

– Echo der Zeit & Tagesschau
– Der Bestatter & DOK-Sendungen
– Champions League & Lauberhornabfahrt
– 7 Regionaljournale & mehr als 50 Korrespondenten weltweit
– Mona Vetsch & Franz Fischlin
– Nicoletta Cimmino & Martin Alioth
– Puls & Espresso
– Focus & Tagesgespräch
– Spasspartout & 150 Live-Konzerte pro Jahr
– Eco & Samstagsrundschau
– Kontext & 10vor10
– Sternstunde Philosophie & Nachtwach
– …
– …

Wollen wir tatsächlich einen Kollateralschaden anrichten? Dies im Wissen darum, dass die privaten Medienhäuser ihre Angebote ausdünnen, Personal abbauen , ihr Korrektorat nach Banja Luka (Bosnien) auslagern und einige von ihnen schrittweise die Publizistik verlassen.

Der „Ground War“ und der „Underground War“ sind schon seit Jahren im Gang. Hunderte von „No Billag“-Einzelkämpfern und Guerilla-ähnlich organisierten Zellen agitieren in Kommentarspalten und Social Media, die Tonalität ist unversöhnlich, oft hasserfüllt. Die Zivilgesellschaft wie die Angestellten der gefährdeten Medien haben bislang darauf verzichtet, diesen Fightern und Trolls mit Anstand und Argumenten entgegenzuhalten.

Das kann sich rächen! Dieser Text ist deshalb auch als Weckruf zu verstehen – „liebe Fraue und Manne, ad Seck!“ (Die Hashtags lauten #NEINzuNoBillag und #Medienzerschlagungsinitiative.)

 

Disclaimer:
Meine Firma hat kein Mandat im Umfeld der „No-Billag“-Abstimmung. Ich bin aber Partei, die Sache ist mir zu wichtig, und zudem Mitglied im Publikumsrat der SRG. Deshalb werde ich in meiner üblichen Beobachterrolle gegenüber Medien keine Einschätzungen zum “No-Billag”-Abstimmungskampf machen.

 

#NoBillag #Medienzerschlagungsinitiative #SRG #TeleSuisse #Admeira #SRG #RadioRottu #NEINzuNoBillag

10 Comments on “Ein Ja zu “No Billag” würde die SRG zerschlagen”

  1. Ivo

    Danke für diesen fundierten Bericht. Als Teil der Zivilgesellschaft und der unabhängigen Filmautorinnen und -autoren arbeiten wir ebenfalls an der Aufklärung! Mit Argumenten und witzigen, sympathischen Aktionen.

  2. Mark Balsiger

    @Ivo

    Vielen Dank für Ihren Kommentar und schon jetzt für Ihren Effort.

    Das wird ein langer und beschwerlicher Weg. Aber es muss gelingen, die Errungenschaften des bisherigen Modells in den Vordergrund zu stellen. Das wurde in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt.

  3. Thomas J. Bollinger

    Man kann nur etwas verbessern, das es gibt. Obwohl ich dagegen bin, dass staatliche Sender Gebühren erhalten und gleichzeitig Werbung bringen, bin ich gegen die “No-Billag”-Volksinitiative. Abschaffung ist keine Lösung.

  4. Kurt Kessler

    Ich bin gegen diese Volksinitaitive. Lieber zahle ich etwas und kann dann konsumieren. Allerdings: ein paar Sendungen und vor allem Moderatoren kann man getrost weglassen. Oder die Tagesschau am Mittag, die um 18 Uhr und die um 19.30 Uhr haben etwa 40 Prozent den gleichen Inhalt, sind also Wiederholungen!

    Unser Radio läuft praktisch den ganzen Tag auf SRF1. Was da für Quartalsplauderi am Werk sind, unvorstellbar, da wird eine Ansage gemacht für irgend ein Thema, dieser Vollquatscher kann doch den ganzen Inhalt der Sendung vorplappern.

    Oder beim Wetter um 12.25 Uhr, da schnorred und frägt der Moderator mehr, als der Meteorologe zu sagen hat. Warum kommt der denn überhaupt ans Mikro? Kontrolliert diese Plauderi eigentlich niemand?

    Zudem muss mir nicht alles vorgeplappert werden, kann mir durchaus eine eigene Meinung bilden. Solchen Moderatoren müsste man mal ihre eigenen Sendungen vorspielen, die würden alle im Irrenhaus landen!

  5. Mark Balsiger

    @Thomas J. Bollinger

    Wir sind uns einig: die Zerschlagung von Medien ist keine Lösung. Es muss einen anderen Weg geben.

  6. Mark Balsiger

    @Kurt Kessler

    Für Irrenhäuser bin ich nicht Spezialist. Ich vermute aber, dass es mehr braucht, um dort zu landen. Im Ernst:

    – Tagesschau:
    Natürlich gibt es Wiederholungen, das ist auch richtig so. Nicht alle Leute können sich die Mittagsausgabe, diejenige um 18 Uhr und schliesslich noch die Hauptausgabe um 19.30 Uhr anschauen.

    – Plauderi:
    Mir ist das Geplauder um 12.25 Uhr auf Radio SRF1 zwischen Moderatorin und Meteorologe auch zu langfädig. Ich weiss aber von Leuten, die genau das mögen. Und so ist es allgemein mit den Leuten am Mikrofon bzw. vor der Kamera: Es gibt im Publikum grosso mode drei Kategorien:

    – Fans
    – solche, die zufrieden sind mit den Leistungen der Medienschaffenden
    – Kritiker.

    Es gibt Leute, die finden, dass Roger Schawinski der begabteste Talkmaster des Landes ist, andere halten ihn fast nicht aus. Das ist sehr individuell.

    Bei der “No-Billag”-Volksabstimmung geht es aber um etwas ganz anderes, und das sollten wir nicht vergessen.

  7. Jan

    Ich möchte gerne aufzeigen, was für mich die Motivation ist, die No-Billag Initiative anzunehmen. Das junge Publikum bzw. die nächste Generation interessiert sich immer weniger für den Mainstream TV und Radio. Heute sind Pay-TV, Streaming Portale, Spotify und natürlich als Hauptkonsumation das Internet im Vordergrund. Durch diese Dienste kann man auch gezielt dafür zahlen, was man am meisten nutzt und was persönlich Interessiert. Ich höre und lese immer mehr von vielen Leuten, dass sie kein normales Fernsehen mehr schauen. Sie informieren sich auf den Kanälen, die sie ansprechen.

    Es gibt in der Schweiz massenhaft kleine Radiosender, welche nur von einem kleinen Anteil gehört werden. Dasselbe gilt für die Regionalen TV-Sender. Dann gibt es noch die Großen. Aber auch auf den bekanntesten Radio- und TV-Sendern gibt es einen großen Prozentsatz an Sendungen, welche Müll sind und für die unser Geld rausgeschmissen werden.

    Also wäre es nicht am günstigsten und am klügsten, wenn man in der kleinen Schweiz einfach einen, max. zwei größere Sender hätte in denen die wichtigsten Produktionen laufen? Sowohl beim Radio und TV. Wenn man den ganzen Müll weglässt und nur die informativen Sendungen laufen würde, wäre das Programm schon gut gefüllt. Dann noch Werbung reinpacken und schon ist ein großer Teil davon finanziert.

    Wenn es dann mit den Finanziellen Mittel noch nicht reicht, wäre ich und bestimmt auch viele andere sicherlich noch bereit was daran zu zahlen. Aber sicherlich nicht 400.-. Max. 200.- pro Jahr. Ich zahle weniger für Netflix und konsumiere so gut wie nur Filme, Serien und sehr gute Dokumentationen darüber. Es muss ein umdenken stattfinden. Die Billag ist veraltet!

  8. Mark Balsiger

    @Jan

    Vielen Dank für Ihren wohlformulierten Kommentar. Ich bin mit Ihnen einig, es gibt extrem viel “Müll” auf Radio- und TV-Sender zu sehen und zu hören. Doch was ist “Müll”? Sie und ich finden vielleicht beide, dass Jasssendungen am Fernsehen extrem dröge sind, ich kenne aber Leute, die finden sie grossartig.

    Ein anderer Punkt: Sie schreiben, dass Sie vor allem Pay-TV, Streaming Portale, Spotify und das Internet nutzen würden. Wohlan, das tun viele anderer ihrer Generation auch. Bloss: Wo wollen Sie sich in ein paar Jahren informieren, wenn es beispielsweise um die Rohingya geht, die derzeit in Massen nach Bangladesh flüchten? Auf einem Pay-TV-Sender?

    Vergessen Sie es, kommerzielle Sender setzen die Schwerpunkte anders. Mit qualitativ überzeugend aufbereitetem Journalismus lässt sich bald nicht mehr Geld verdienen, die Privaten sind schon lange auf dem Rückzug. Das ist gefährlich, weil ein Vakuum entsteht und wir immer weniger wissen, was eigentlich relevant wäre. Das führt zu einer Entpolitisierung der Gesellschaft – ein hoher Preis, weil es unsere Demokratie schwächt.

  9. Viktor Pfister

    @Mark Balsiger

    Ich unterstütze Ihre Erklärungen und Argumente. Ich unterstütze, dass wir staatliche Qualitätsmedien brauchen. Dafür zahle ich gerne Gebühren. Und ich bin überzeugt, dass sich auch staatliche Qualitätsmedien den veränderten Konsumbedürfnissen anpassen.

    Ja, private Medien allein sind abhängig vom Renditedenken – eine zerstörerische Abhängigkeit, die nicht ohne öffentliche Qualitätsmedien als Gegenüber zugelassen werden darf.

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