Die Grünen haben neue Aushängeschilder an der Spitze, aber ein altes Problem

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Parteipräsidenten sind in der durch und durch medialisierten Politik omnipräsent. Sie geben ihren Parteien ein Gesicht und prägen deren Image. Ueli Leuenberger von den Grünen war keine glückliche Besetzung für dieses höchst anspruchsvolle Aufgabe. Er wirkte in seinen öffentlichen Auftritten zuweilen wie lauwarmer Lindenblütentee ohne Zucker.

In Bezug auf die Auftrittskompetenz aus einem ganz anderen Holz geschnitzt sind die Nationalrätinnen Adèle Thorens (VD;  Foto oben) und Regula Rytz (BE). Das neue Co-Präsidium, das die Delegierten heute Nachmittag in Genf wählten, kann sogar zum Glücksgriff für die Partei werden: Die beiden Frauen teilen sich die Arbeit und sind in den beiden grossen Sprachregionen präsent. So können sie in ihrer Muttersprache parlieren und die Überzeugungen der Grünen mit ihrer gewinnenden Art erklären.

Thorens gilt als liberale Politikerin, die très charmante, authentisch und deswegen überzeugend auftritt. Rytz vereint viele Qualitäten auf sich:  Sie ist enorm fleissig, dossiersicher, gescheit, humorvoll und kommunikativ. Gleichzeitig ist sie uneitel, das Sauertöpfische, das einigen ihrer Parteikolleginnen nachgesagt wird, hat sie nicht. In der Stadtberner Exekutive beobachtet man sie seit sieben Jahren als Pragmatikerin, die gestalten will und das auch schafft.

Grüne und SP verpassten es, sich strategisch abzusprechen

Seit Sommer 2011 steht die soziale Frage wieder vermehrt im Brennpunkt. Das begünstigt traditionell die SP, die in der Wirtschafts- und Finanzpolitik bedeutend mehr Glaubwürdigkeit und Kompetenz hat als die Grünen. Diese wiederum vergossen in den letzten Jahren viel Herzblut für Themen wie Palästina, Sans Papiers, Kampfflugzeuge und Mindestlöhne. In ihrem ureigenen Kerngebiet, der Umweltpolitik, waren aber kaum Schlüsselfiguren präsent, die mit profundem Know-how überzeugten.

Die Profile der Grünen und der SP sind praktisch deckungsgleich. Die beiden linken Parteien verpassen es seit vielen Jahren, ihre Positionen strategisch abzusprechen und so ein breiteres Spektrum für sich zu erobern. Auf diese Weise könnten sie gemeinsam die 30-Prozent-Marke knacken. Die Sozialdemokraten sind seit dem letzten Herbst wieder im Aufwind, die Grünen schwächeln: Bei den jüngsten Wahlen verloren sie an die SP und die Grünliberalen. Das zeigte beispielsweise die Wählerstromanalyse der Nationalratswahlen 2011 auf.

Die Grünen müssten sich auf ihre grünen Kernthemen konzentrieren und dort zu einer Kraft werden, an der niemand vorbeikommt. Die Welt einmal täglich zu retten reicht nicht, es braucht realistische Lösungsansätze. Mit Thorens und Rytz (Foto unten) haben sie dafür vermutlich die besten Verkäuferinnen gewählt. Dass die Basis und einzelne Schlüsselfiguren – bunt zusammengewürfelt wie eh und je – weiterhin ein Potpourri an Themen besetzen wollen, liegt auf der Hand. Unter dem Strich geht so allerdings das Gestalterische und die Durchschlagskraft verloren. Ein Problem, das so alt ist wie die Grünen selbst.


Weitere Analysen:

Maya Grafs Appell an ihre Parteipräsidentinnen (Tageswoche, 21.04.)
Ein Start mit schwerer Hypothek (Newsnet, M. Chapmann, 22.04.)
Grüne auf Identitätssuche (NZZ, M. Schönenberger, 22.03.)
Interviews:

Tagesgespräch DRS1 mit Co-Präsidentin Regula Rytz (23.04.2012)


Fotos:
– Adèle Thorens: keystone
– Regula Rytz: Béatrice Devénes

4 Comments on “Die Grünen haben neue Aushängeschilder an der Spitze, aber ein altes Problem”

  1. Titus

    Die Forderung, sich mit der SP abzusprechen, kann natürlich genauso auch umgekehrt gelten.

    Und wenn ich an andere Parteien denke, welche zu einem oder mehreren Themen ebenfalls deckungsgleich sind, so sehe ich da auch keine Absprache. Niemand überlässt gerne die Wortführerschaft einer anderen Partei. Das ist wohl auch der Grund, weshalb es in der Mitte auch kaum Absprachen gibt.

    Grüne und SP sind vielleicht nur “deckungsgleicher” als es bei anderen der Fall ist (?).

  2. Manuel C. Widmer

    Es soll auch schon vorgekommen sein, dass die eine Partei sich als die Anti-Atom-Partei der ersten Stunde bezeichnet hat – um der andern die Themenführerschaft streitig zu machen…. Weniger Kongruenz wäre mir bedeutend lieber. Eine staatsinterventionsverliebte Partei reicht doch eigentlich, oder?

  3. Mark Balsiger

    @Titus

    Es müsste aus linker Sicht um Grundsätzlicheres gehen.

    Als Minorität im klar bürgerlich dominierten Parlament müssten SP und Grüne ein Interesse daran haben, ihr Elektorat auszubauen. Und zwar nicht zu Lasten der potenziellen Partnerpartei, wie das seit nunmehr 30 Jahren fast immer passierte. Praktisch immer, wenn die Grünen zulegten, verlor die SP – und vice versa.

    Wenn eine der beiden linken Parteien auch in die Mitte ausstrahlen könnte, würde sie dort einen Teil der Wählerinnen und Wähler abholen. Als Unabhängiger will mir nicht in den Kopf, weshalb diese strategischen Absprachen nie gemacht wurden. Vielmehr ist ein kräftiger Kampf um das rot-grüne Terrain im Gang.

    @ Manuel C. Widmer

    Willst du damit sagen, dass die Grünen, also deine Partei, nicht auch staatinterventionsverliebt ist? Ich nehme das ganz anders wahr und ich erkenne keinen Unterschied (mehr) zur SP.

  4. Manuel C.Widmer

    @MB

    Die Grüne Freie Liste (GFL) ist hier sicher anders gestrickt als Grünes Bündnis (GB) und die GPS. Wir halten es mehr mit Regierungsrat Bernhard Pulvers liberalem Staatsverständnis:

    “Liberale Politik will den Einzelnen möglichst viel Freiheit belassen. Jede und jeder soll grundsätzlich selbst entscheiden können, wie er oder sie sich entfalten will. Diese Grundhaltung bedeutet: das Kollektiv steht nicht über dem Individuum. Und: Eine Aufgabe wird nicht einfach besser erledigt, wenn sie beim Staat ist.

    Freiheit bedingt staatlichen Schutz und gegenseitigen Respekt. Eine ‘liberale Politik’ – im ursprünglichen Sinne und nicht als Credo des „business first” – verlangt einen starken und handlungsfähigen Staat, der Leitplanken setzt und Freiheiten schützt. Dies gilt namentlich für den Schutz der Grundrechte aller Einwohnerinnen und Einwohner. […] Es braucht so viel Freiheit wie möglich und so viele Vorschriften und Leitplanken wie nötig. Dies gilt namentlich für den Schutz ökologischer und sozialer Anliegen.”

    Deshalb schreibe ich ja auch, eine staatsinterventionsverliebte Partei reiche völlig – es braucht neben der SP nicht noch eine zweite. Ein Aufruf war’s, keine Feststellung.

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