Ein Blick in den neuen “Blick” von heute – und ein Blick in die Zukunft ohne “heute”

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“Der neue Blick ist da – für 1 Stutz”. Diese Schlagzeile prangt heute an jedem Kiosk-Aushang. Der Relaunch hat dem Blatt gut getan. Das neue Layout ist bedeutend ruhiger, die Geschichten wurden länger und sind klar gewichtet. Clever, dass wieder eine kompakte Zeitung vorliegt, d.h. der Sportteil ist nicht mehr lose eingesteckt. Wer den Sport vorzieht, wendet die Zeitung vertikal – so einfach geht das.

Auf die Inhalte einzugehen, macht nach nur einer Ausgabe keinen Sinn. “‘Blick’ ist Boulevard und ‘Blick’ bleibt Boulevard”, schreibt Chefredaktor Bernhard Weissberg. Der prinzipielle Linkskurs des Blattes wird aufgegeben. Dieser hat immerhin mehr als zehn Jahre angehalten. Er ist ein Unikum: Es gibt weltweit keine Boulevardzeitung, die sich politisch links positioniert hat. Noch in den achtziger Jahren fuhr der “Blick” einen prononcierten Rechtskurs: Gnadenlos prügelte die Redaktion um Peter Uebersax auf Tamilen, grüne Politiker und Asylanten ein.

Spannender als der Blick in den heutigen “Blick” ist der Blick in die Zukunft. Im Frühsommer wird Riniger die Pendlerzeitung “heute” einstellen – nach gerade einmal zwei Jahren. Stattdessen soll ein Gratis-Blick am Abend auf den Markt kommen. Dazu drängt sich zuerst eine banale Frage auf: Wird die Leserschaft von “heute” zur Leserschaft des Gratis-Blick am Abend? Die hauseigene Konkurrenzsituation wird womöglich noch verschärft. Weshalb sollte ich am Morgen für 1 Franken 80 den “Blick” erstehen, wenn ich ihn am Abend gratis erhalte?

Der “Blick”, jahrzehntelang das Flagschiff aus dem Hause Ringier, kämpft wie praktisch alle Tageszeitungen seit einigen Jahren gegen eine sinkende Auflage. Im letzten Jahr betrug sie noch 240’000 Exemplare. Damit ist er zwar weiterhin die meistverkaufte Zeitung der Schweiz, aber in Bezug auf die Auflage liegt er massiv hinter “20Minuten” zurück.

Die Boulevardzeitung wurde von der Cash-Cow zum Sorgenkind. Michael Ringier könnte zum grossen Befreiungsschlag ansetzen: Der reguläre “Blick” wird abgesetzt, die ganze Substanz geht in den Gratis-Blick am Abend. Auf diese Weise könnte am Abend eine Zeitung entstehen, deren Lektüre sich lohnt. Der Kampf am Morgen kann Ringier nicht mehr gewinnen. Aber zusammen mit der Online-Ausgabe des “Blick”, die schweizweit am meisten Besuche aller Newsportale vorweist, wäre eine gut gemachte Blick-Abendausgabe eine echte Option.

5 Comments on “Ein Blick in den neuen “Blick” von heute – und ein Blick in die Zukunft ohne “heute””

  1. Ugugu

    Interessante Überlegung, aber wieso sollte der Blick einfach von heute auf morgen 150 000 (oder wieviele es auch immer sind) zahlende Abonnenten entlassen? Da müsste man dann doch einige Inserätli im Gratis-Abendblick schalten.

  2. priska

    Das ganze Konzept ist ein anderes. Eine Gratiszeitung muss nur an den Bahnhöfen aufgelegt werden. Der Anspruch auf gute Unterhaltung ist relativ gering. Gerade am Abend mögen die Pendler nicht komplexe Geschichten. Einfach was zum durchblättern.
    Der Blick als abnonnierte Zeitung kostet und muss deshalb auch den Erwartungen gerecht werden. Gerade der Sport-Blick ist für seine Ausführlichkeit bekannt. Schade, dass man den Sportteil nicht mehr aus der Zeitung nehmen kann. Muss ich nun, damit ich mit meinem Freund zusammen gleichzeitig den Blick lesen will, zwei Exemplare kaufen? Das Teilen war so einfach: ich Hauptteil, er Sport. Dann der Tausch.
    Zurück zur sbonnierten Zeitung: ich gehe davon aus, dass viele ältere Leute Abonennten sind. Und diese bezahlen auch dafür, dass sie jeden Morgen eine Zeitung ins Haus geliefert bekommen. Die wandern/fahren nicht wegen 1.80 Fr. an den nächst grösseren Bahnhof.
    Mein Fazit: Das Publikum von Gratiszeitungen ist ein ganz anderes als das von anbonnierten Zeitungen. Für mich also sinnvoll, dass Ringier beide Märkte bewirtschaftet. Fragt sich nur, ob Ringier erfolgreicher ist, wenn beide Produkte fast den selben Namen tragen.

  3. J.C.

    Hmm, im letzten Beitrag war es eine Gratiszeitung, jetzt der Blick. Da könnte man doch glatt auf die Idee kommen, hier wird versteckt Werbung betrieben. Na von mir aus. Grüble ja immer noch darüber nach, was zum Geier Che Guevara mit Gratis-Internet zu tun haben könnte. Damit bin ich werbemässig voll und ganz absorbiert. Daher ist kein Platz mehr für Gratis- oder Boulevardzeitungen. So ein Pech!

  4. Mark Balsiger

    @ J.C.

    Versteckte Werbung auf dem Wahlkampfblog? Irrtum. Längst gibt es zwar Blogger, die auf Bezahlung hin über gewissen Themen schreiben. Auf dieser Plattform ist das nicht der Fall, und das wird auch so bleiben. Die Banner, die seit Herbst letzten Jahres geschaltet werden, sind klar vom Inhalt getrennt. Ich finde diese Art von Werbung nicht störend. Es gibt inzwischen auch weltweit keine Zeitung mehr, die ohne Inserate auskommt.

  5. J.C.

    Nein, nein, die Werbung hier stört mich nicht. Nur schafft sie es manchmal eben nicht, mich abzuholen. Wie dies der Fall ist bei Che und dem Gratis-Internet. Aber vielleicht muss ich einfach einen anderen Ansatz wählen.

    Aus Solidarität sitze ich daher heute versuchsweise in einem Che Guevara T-Shirt vor dem Bildschirm. „Hasta la victoria siempre.“

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