Das Sommerloch für den Wahlkampf nutzen

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Dieser Pelikan büxte gestern im Berner Tierpark Dählhölzli aus, schwamm Aare abwärts und gesellte sich schliesslich im Marzili zu den Badegästen, wo er keck posierte, das Bundeshaus im Hintergrund. Bis am Abend war er ein Medienstar mit einer enormen Präsenz. Davon träumen auch viele Kandidatinnen und Kandidaten im Wahljahr 2015.

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Seit nunmehr 12 Jahren versuche ich, Kantonalparteien, Kandidierende und Ad-hoc-Komitees mit Workshops und Referaten auf den Wahlkampf einzustimmen. Dabei schneide ich zwei Ansätze, die eng miteinander verknüpft sind, immer an:

1.  Wie man den Wahlkampf anti-zyklisch führt

2.  Wie man nachrichtenarme Phasen nutzt

In den ersten Jahren stiessen diese beiden Ansätze noch oft auf Widerstand, wenn nicht sogar auf Ablehnung. Für die schlachterprobten Kämpen ist der Wahlkampf auf die letzten zwei Monaten auszurichten – basta. Es war schon immer so.

Die Überzeugungen haben sich verändert: Bei den Politisierenden und ihren Helfern kommen meine Vorschläge nun meistens an. Allein: bei der Umsetzung hapert es weiterhin.

Das Sommerloch ist real existent. Von der zweiten Juli-Woche an beginnt in aller Regel die nachrichtenarme Phase, die nicht selten über den Bundesfeiertag hinaus andauert. Wer derzeit Medien konsumiert, egal welcher Gattung, merkt sofort: Die Politik macht Urlaub, triviale Storys haben Hochkonjunktur.

Nie sind Medien empfänglicher als in dieser Phase. Man müsste sie bloss anfüttern.

Hugo Hugentobler von der Partei X könnte sich mit Doris Dosenbach von der Partei Y zusammentun, um im Zürichsee ein Pedalo-Wettrennen zu organisieren (etwa vom Bürkliplatz zum Utoquai). Sie machen je 250 Franken locker, und sie animieren ihr Umfeld, um Wetten über Beträge von beispielsweise 10, 20 oder 50 Franken abzuschliessen. Die Summe, die so zusammenkommt, geht an eine gemeinnützige Organisation – eine sympathische Geste.

Die Affiche Hugentobler vs. Dosenbach liesse sich über Social-Media-Kanäle bewerben und würde vermutlich auch die Medien anlocken – Ziel erreicht. Nach den Sommerferien auf dieselbe Art Medienpräsenz zu generieren ist ungleich schwieriger, zumal dann zahllose Kandidierende um Aufmerksamkeit buhlen und die News-Zyklen wieder Relevantes anschwemmen.

Klar, Aktionen wie das Pedalo-Wettrennen sind weder neu, noch haben sie etwas mit Politik zu tun. Aber Hand aufs Herz: Möchten Sie in diesen heissen Tagen tatsächlich mit schwer verdaulichen Vorschlägen zur AHV-Reform oder zur Rettung der bilateralen Verträge behelligt werden?

Wer es schafft, mit einer gewissen Lockerheit, auf ein durchaus relevantes Thema aufmerksam zu machen, gewinnt.

Fazit: Der Wahlkampf 2015 pausiert, viele Kandidatinnen und Kandidaten sind in den Ferien, um Kraft für die heisse Phase zu tanken. Nur Unentwegte und Clevere arbeiten daran, sich jetzt bekannter zu machen und die Medien für ihre Aktionen einzuspannen.

Mark Balsiger

 

P.S.  Der Pelikan wurde noch am selben Tag wieder eingefangen. Im Tierpark Dählhölzli hat man ihm sogleich die Federn gestutzt.

Foto Pelikan: Adrian Müller, Redaktor “Der Bund”

One Comment on “Das Sommerloch für den Wahlkampf nutzen”

  1. Mark Balsiger

    Wie man das Sommerloch mit Relevanz stopfen kann, zeigte heute die SP Schweiz auf. Sie lud zur Medienkoferenz und stellte die Auslandschweizer ins Zentrum, mehr als 700’000 an der Zahl, rund 580’000 wären stimmberechtigt.

    Die SP International wird mit mehreren Listen bei den Nationalratswahlen dabei sein. Und mit Botschafter Tim Guldimann kandidiert ein bekannter Kopf – allerdings auf der Stammliste der SP im Kanton Zürich.

    Mehr:

    http://bit.ly/1SEpE5S

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