Christoph Mörgeli: Die Luft ist dünn, die Kommunikationsleistung der Uni dürftig

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Der Berner Schriftsteller Pedro Lenz nahm 2008 mit dem Titel seines Buches vorweg, was Christoph Mörgeli nun widerfährt: “Plötzlech hets di am Füdle.” In diesem Posting geht es allerdings nicht um den scharfzüngigen Nationalrat und Medizinhistoriker, sondern die Kommunikationsleistung der Universität Zürich.

Für den “Sonntag” ist der Fall klar: “Universität entlässt Professor Mörgeli” titelte die Zeitung auf der Frontseite. Die Artikel dazu lesen sich so, wie schon alles klar sei. Eine solche Zuspitzung grenzt an Rufmord, wie der Angeschossene zu Recht monierte. Der Presserat dürfte diesen Fall aufrollen müssen.

Aus meiner Perspektive ist es erstaunlich, wie die Universität Zürich bislang kommunizierte. Seit genau einer Woche ist der Fall Mörgeli in aller Munde, das Interesse der Medien enorm. Auf der Website der Hochschule findet man drei dürre Medienmitteilungen, der Direktor des Medizinhistorischen Instituts Flurin Condrau äusserte sich noch nie öffentlich.

Angesichts der Brisanz ist dieses Vorgehen wenig professionell. Auch wenn die Medienstelle völlig überrollt wird, die interne Kommunikation Vorrang hat und arbeitsrechtlich noch lange nicht alles geklärt ist, hätte eine erste Medienkonferenz spätestens am letzten Donnerstagmorgen stattfinden müssen. Diese hätte den Medienbeauftragten und dem Institut wieder Luft verschafft. Die drängendsten Fragen wären so für den Moment in Ruhe beantwortet worden. Die Verantwortlichen der Uni hätten ausführen können, weshalb gewisse Entscheidungen noch nicht spruchreif sind und wann die nächste Information – Medienmitteilung oder Medienkonferenz – erfolgen wird.

Weitere positive Nebeneffekte:
– Die Medienschaffenden hätten sich bei ihrer Suche nach Information ernst genommen gefühlt.
– Die Uni-Verantwortlichen hätten an Statur gewonnen.
– Es macht einen Unterschied, ob man Journalisten physisch vis-à-vis hat oder nur am Telefon.
– Die Verantwortlichkeiten und Abläufe hätten mit Folien erklärt werden können.

Stattdessen gehen bei der Medienstelle der Uni und beim Medizinhistorischen Institut seit nunmehr sieben Tagen  zahllose Anfragen ein, was kaum mehr ein konzentriertes Arbeiten möglich macht. Die Fakten wurden längst mit Gerüchten, Spekulationen, Thesen und Verunglimpfungen vermengt. Kaum jemand blickt mehr durch, berichtet wird trotzdem. Zum Schaden aller Beteiligten.

Mit stetiger Information hätte die Uni das Heft in der Hand behalten können. Die Kommunikationshoheit zurückzugewinnen ist in der verkachelten Situation und bei dieser Dynamik sehr schwierig.

Nebenbei: Die Universität Zürich ist auch auf Social-Media-Kanälen präsent: Doch weder auf Twitter noch auf Facebook findet man nur eine einzige Zeile zum Fall Mörgeli. Auch hier verpasst die Bildungsstätte eine Chance. Ich kenne Studierende, die sich nur noch via Twitter und Facebook informieren.

In den letzten Jahren wurde meine Agentur regelmässig bei Krisenfällen beigezogen. Dort, wo die Entscheidungswege schnell waren und die Zusammenarbeit klappte, blieben Reputationsschäden mit Ausnahme eines Falles aus. Und das wäre dann der Werbespot gewesen.

Mark Balsiger

 

P.S.  “Tageswoche”-Redaktor Philipp Looser fasst hier die bisherigen Ereignisse mithilfe von “storify” zusammen.

 

Foto Christoph Mörgeli: blick.ch

 

5 Comments on “Christoph Mörgeli: Die Luft ist dünn, die Kommunikationsleistung der Uni dürftig”

  1. Mark Balsiger

    Inzwischen hat sich auch ein zweites Blog mit dem Fall Mörgeli bzw. Uni Zürich befasst. Roland Binz kritisiert in der “Medienwoche” die unkoordinierte Kommunikation der Universität.

    Seine vertiefte Analyse:

    http://bit.ly/Rw1BWS

  2. Hans Dietiker

    Müssen wir jetzt für jeden Vorgang im Leben “Mörgelis Einverständis” einholen, oder droht er uns sonst mit einer Strafklage? Es mögen sicherlich Unklarheiten vorgefallen sein, der Tatbestand ist trotzdem: Die Uni will den Mörgeli nicht mehr an seinem Arbeitsplatz haben. Ende.

    Wie damals bei Blocher: Man wollte ihn nicht mehr im Bundesrat haben. Ende. Ungehörige Drohungen, wenn jemand “aus guten Gründen” nicht mehr erwünscht ist, gehören weder an den Arbeitsplatz noch in die Politik. Aufplustern um Schuld von sich zu weisen, zeigt letztlich nur die Unfähigkeit, öffentliche Arbeit zu leisten.

  3. Mark Balsiger

    Eine klare Aussage von Ihnen, Herr Dietiker. An Parallelen zwischen Christoph Blochers Abwahl aus dem Bundesrat (Dezember 2007) und Christoph Mörgeli dachte ich bislang noch nicht.

    Bei Blocher hat ihm mit dem Eidg. Parlament ein politisches Gremium die Wiederwahl verweigert. Diese Entscheidung musste nicht aufgrund von fachlichen Verfehlungen oder Unterlassungen wie bei Mörgeli abgestützt werden.

    Mit anderen Worten: Es ist einfacher, einen Bundesrat nicht mehr zu wählen als einem Professor zu kündigen.

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