Bundesratskandidatinnen in spe

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Über Gerhard Schröder wird eine Anekdote immer wieder erzählt: Noch als Vorsitzender der Jungsozialisten Deutschlands soll er einmal, spät in der Nacht und in angeheitertem Zustand, an der Eingangspforte des Bundeskanzleramts in Bonn gerüttelt und dabei gebrüllt haben: “Ich will hier rein!” 20 Jahre später erreichte er dieses Ziel.

Einen ähnlichen Willen, es ganz nach oben zu schaffen, zeigte in der Schweiz Pascal Couchepin: In den Neunzigerjahren machte er als Nationalrat kein Geheimnis daraus, dass er gerne Bundesrat werden möchte. Viele andere Politiker wollten das auch schon, es aber öffentlich kundzutun, entspricht nicht der hiesigen Kultur. Couchepin erreichte sein Ziel trotzdem.

Bei Ständerätin Simonetta Sommaruga (Foto, BE) und Nationalrätin Jacqueline Fehr (ZH) ist die Ausgangslage nochmals anders. Seit Moritz Leuenberger (sp) seinen Rückzug aus dem Bundesrat auf Ende Jahr angekündigt hat, werden die beiden als Kronfavoritinnen gehandelt. Das wäre auch vor einem Jahr, im Herbst 2007 oder noch früher der Fall gewesen.

Aufgrund ihres Gewichts im eidgenössischen Parlament sind beide Politikerinnen seit langem für den parteiinternen Nachfolgekampf gesetzt. So sie kandidieren wollen. Sommaruga wird ihren Entscheid am 10. August bekanntgeben. Ein Nein wäre eine riesige Überraschung, weil: die Chance, in den Bundesrat gewählt zu werden, eröffnet sich für Spitzenpolitiker fast immer nur einmal.

Zwischen Leuenbergers Rücktrittsankündigung (9. Juli) und der Nachfolgewahl (8. Dezember) liegen fünf Monate. Dabei kann viel passieren. Vor diesem Hintergrund ist es für Papabile vorentscheidend, in dieser Phase möglichst keine Fehler zu machen. Sommaruga wie Fehr meldeten sich in der zweiten Juliwoche in die Ferien ab. Beide wollen die Sommerpause nutzen, um im Kreis ihrer engsten Vertrauenspersonen auszuloten, ob sie kandidieren sollen oder nicht.

Bis zu dieser Entscheidung laufen Medienschaffende mit ihren Anfragen ins Leere. Jacqueline Fehr (Foto) verweist etwa auf ihrer Website dreisprachig darauf hin, dass sie sich in der zweiten Augusthälfte wieder zurückmelde. Ähnlich tönt es auf ihrer Combox. Solche Ankündigungen sind richtig, sie schaffen Klarheit. Es gibt keinen Grund, sich jetzt öffentlich über Chancen und Risiken einer möglichen Kandidatur zu äussern.

Fehr wartete allerdings mitten in ihrer Sommerpause mit einer interessanten Neuigkeit auf: Am 25. Juli publizierte sie auf ihrer Website eine kurze Mitteilung zu ihrer privaten Situation. Demnach hätten sie und ihr Mann, auch er ist SP-Mitglied, sich getrennt, und zwar bereits im letzten Herbst.

Die Privatsphäre von Politikern geht die Öffentlichkeit grundsätzlich nichts an. Im aktuellen Fall von Jacqueline Fehr ist das anders: Weshalb kündigte sie erst Ende Juli 2010 an, was bereits im Herbst 2009 vollzogen wurde? Die Frage ist rhetorisch: Fehr hat sich bereits entschieden, sie darf als Bundesratskandidatin in spe bezeichnet werden.

Ihr (Noch-)Ehemann Maurice Pedergnana ist übrigens promovierter Ökonom und ein ausgewiesener Finanzexperte mit einer Fülle an Aufgaben und Funktionen. Unter anderem firmiert er als Verwaltungsrat der Zürcher Kantonalbank (ZKB), deren Präsidium er unter Umständen im nächsten Sommer übernehmen könnte. Die SP des Kantons Zürich hat diesen Job ausgeschrieben, Bewerbungen müssen bis Ende August eingereicht werden.

Ein Ehepaar, sie Bundesrätin, er vielbeschäftigter Finanzexperte – das wäre für einige Mitglieder der SP-Bundeshausfraktion womöglich eine zu starke Verflechtung von Politik und Finanzwirtschaft.

Fotos Simonetta Sommaruga & Jacqueline Fehr: keystone, Bearbeitung: tagblatt.ch

5 Comments on “Bundesratskandidatinnen in spe”

  1. RM

    lieber eva als jacqueline, deine ausführungen sind kongruent zum bericht der wewo. meine prognose: will simonetta, so wird sie glänzend gewählt! wir bleiben dran.

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  4. Solferino Lombardi

    Im Dutzend werden die SP-Bundesratskandidatinnen auch nicht spannender. Ausserdem hat die SP schon eine Frau im Bundesrat. Will die SP sich endgültig als Nur-für-Frauen-Partei positionieren ?

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