Bruno Zuppiger ist weg vom Fenster

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Jede politische Karriere ist auf Sand gebaut. Diese Erfahrung macht Bundesratskandidat Bruno Zuppiger seit ein paar Stunden. Eine “Erbsünde” holte ihn ein. Ob es sich um einen Skandal oder ein laues Lüftchen handelt, spielt dabei keine Rolle. Die Integrität des leutseligen SVP-Mannes ist beschädigt, die Chancen auf eine Wahl dahin.

Erinnerungen an den Fall Kopp 1988/89 werden wach. Nachdem der ersten Bundesrätin der Schweiz schon seit Monaten ein steifer Wind ins Gesicht geblasen hatte, fragte Fraktionschef Ulrich Bremi am Ende der entscheidenden Sitzung: “Ist da noch etwas?” Elisabeth Kopp verneinte. Kurz darauf flog das Telefongespräch auf, das sie mit ihrem Mann Hans W. Kopp, Verwaltungsrat der Handelsfirma Shakarchi, geführt hatte. Gegen Shakarchi war wegen Geldwäscherei ermittelt worden; Elisabeth Kopp konnte ihren Kopf nicht mehr retten.

Der Vergleich mit dem Fall Zuppiger, den die “Weltwoche” heute Nachmittag publik machte, ist natürlich konstruiert. In der Mechanik ist er aber ähnlich: Ein Spitzenpolitiker muss intuitiv spüren, wann es Zeit ist, die Hosen runterzulassen. Ohne zu zögern und ohne noch irgendetwas verstecken zu wollen. Der Zuger SVP-Regierungsrat Heinz Tännler war vor zweieinhalb Wochen ein Beispiel aus dem Lehrbuch, wie man es macht. Nach seinem pro-aktiven Outing (Fiaz, Familienverhältnisse) hat er sogar an Statur gewonnen.

Bruno Zuppiger hat es verpasst, sich rechtzeitig und vor einer breiteren Öffentlichkeit zu erklären. Nur die SVP-Spitze zu informieren reicht nicht, der Verweis auf eine Stillschweigevereinbarung hat etwas hilfloses. Die Story, die uns “Weltwoche”-Autor Urs-Paul Engeler auftischt, ist möglicherweise nicht annährend so brisant, wie sie sich liest. Der Fall konnte rechtlich vor einem Jahr abgeschlossen werden, moralische Aspekte lösen sich aber nicht einfach in Luft auf. Zuppiger steht in einem diffusen Licht, seine Integrität ist in Frage gestellt.

Es sind die einfachen Fragen, die den Mann auf der Strasse beschäftigen. Sie bringen den Bundesratskandidaten in die Bredouille:

– Rechtfertigte dieses Mandat einen Ansatz von CHF 350.00 in der Stunde?
– Wie kommt es, dass für erfolglose Nachforschungen nach Verwandten in Deutschland mehr als 500 Stunden fakturiert werden konnten?
– Weshalb wurde ein Betrag von rund CHF 100’000.00 Bruno Zuppigers Privatkonto gutgeschrieben?
– Wieso hat Zuppiger bei der Nomination durch die SVP-Fraktion den Fall nicht selber aufs Tapet gebracht?

Im Medienhype, der nun losbricht, werden aus Gerüchten binnen 24 Stunden Fakten. Zuppiger hat keine Chance, die Kommunikation aktiv zu gestalten. Er kommt nicht mehr aus seiner defensiven Position heraus. Der Fall, so wie wir ihn im Moment kennen, reicht vollkommen aus, um in der Bevölkerung ernsthafte Zweifel an seiner Person zu sähen. Es reicht auch in Sachen Bundesratskandidatur: Zuppiger ist weg vom Fenster.

Die Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung, die auf die Verhinderung eines zweiten SVP-Bundesrats hinarbeiten, sind noch deutlicher im Vorteil. Sie haben einen Trumpf zugespielt erhalten, der ihre Strategie weiter stärkt. Sie lautet: Die sechs bisherigen Bundesräte wiederzuwählen und im siebten Durchgang die SP-Vakanz mit einem offiziellen SP-Kandidaten zu besetzen. Einen Bundesrat mit einer angeschlagenen Integrität dürfe man sich nicht leisten, wird es heissen. Und verwiesen wird auf den Fall Kopp. Die SVP bleibt demnach am 14. Dezember aussen vor.

Gut möglich, dass hinter dem Fall Zuppiger ein Komplott steckt. Für Medien und Publikum ist das einerlei, das Trommelfeuer hat begonnen. Die Blicke richten sich auf Parteipräsident Toni Brunner: Wie lange dauert es, bis die SVP-Spitze einknickt und Zuppiger zurückzieht? Oder hält sie demonstrativ an diesem Kandidaten fest, weil sie den zweiten Bundesratssitz eigentlich gar nicht will? Es ist Zeit für Verschwörungstheorien.

 

Mark Balsiger

P.S.  Einen Teil meiner beruflichen Tätigkeit besteht darin, Politikerinnen und Politiker zu beraten. Beim Erstgespräch kommt stets derselbe Fragenraster zum Zug. Ein Punkt heisst “Hosen runter”. Aussereheliche Affären, laufende und ehemalige Rechtshändel, Leichen im Keller – alles müsse auf den Tisch, sage ich jeweils mit einem Verweis auf den Fall Aliesch (2001, die sogenannte Pelzmantel-Affäre in Graubünden), den Fall Borer (2002, der zwar später zu einem Fall Ringier drehte), den Fall Nef, der sich auch zu einem Fall Schmid auswuchs. In allen Fällen konnten die Schlüsselfiguren ihren Kopf nicht mehr retten.

 

 

Foto Bruno Zuppiger: keystone

8 Comments on “Bruno Zuppiger ist weg vom Fenster”

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  2. Mark Balsiger

    Update vom 8. Dezember, 12 Uhr

    Die SVP-Fraktion berät sich ab 13 Uhr und will auf 15 Uhr eine Medienkonferenz zum Fall Zuppiger geben.

    Gegenüber Radio DRS nahm sich Ständerat Hannes Germann (SH) vorsorglich aus dem Rennen. Er stehe als Zuppiger-Erssatz nicht zur Verfügung, erklärte er. Das “Friendship-Ticket” für ihn war am Morgen von seiner Kantonalpartei aufgegriffen worden.

  3. Alexander Müller

    Schade wenn Kandidaten auf diese Weise von den Medien abgeschossen werden.

    Meiner Ansicht nach sollten die Medien aufhören ständig die Moralkeule zu schwingen. Wer hat in seinem Leben noch nie einen Fehler gemacht? Die Medien sollten sich eher auf die Frage konzentrieren ob ein Mann das Zeug für einen Bundesrat hat oder nicht. Ich denke dabei weniger an moralische Anforderungen. Wichtiger sind Integrität, Sozialkompetenz, Menschenverstand und Kompetenz.

    Interessant auch, dass man bei einigen Kandidaten genauer hinschaut als bei anderen. Widmer-Schlumpf hat man im Jahr 2007 in den Bundesrat gewählt obschon die meisten Leute sie gar nicht kannten. Bei Zuppiger wird hingegen ganz genau mit der Lupe hingeschaut. Möglicherweise werden rechte Politiker härter angefasst als Linke. Linken verzeiht man mehr Fehler…sie machen dafür aber auch mehr Fehler.

  4. RM

    Mark, was halten Sie von folgendem Szenario?
    Walter – EWS 1:0
    EWS – JSA 1:0
    Wie müsste man die Konkordanz in diesem Fall umschreiben?

  5. Milena

    @ Herr M.

    Sie finden Integrität sei wichtiger als Moral (nennen wir’s Ethik). Zuppiger hat aber weder ethisch korrekt noch integer gehandelt. Wer über 10 Jahre lang 100 000 CHF unberechtigt auf seinem Konto behält und nicht nachvollziehbare Spesenrechnungen in astronomischer Höhe einkassiert, soll integer sein? Jemand, der dies erschlichene Geld erst nach massivem Druck der Geschädigten zurückzahlt, mit Zinsen? Sie sagen, man verzeihe linken Politikern leichter. Sie verzeihen in Ihrem Beitrag einem rechten Politiker bereitwilligst; einem Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft evtl. ermitteln wird, weil die aktuelle Faktenlage auf ein Offizialdelikt schliessen lässt??

    Ich würde Ihnen mehr Objektivität nahelegen.

  6. Mark Balsiger

    @ Milena

    Sie haben das präzis auf den Punkt gebracht, danke.

    Die Interpretation, dass Medien linke Politiker sanfter beurteilen, deckt sich nicht mit meinen Beobachtungen. Nur ein Beispiel: Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Er kriegte nach seinem “Gastauftritt” als Sänger kräftig auf den Tschäppü:

    https://www.wahlkampfblog.ch/?p=2159

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