Minarett-Verbotsinitiative: Die Befürworter haben Waffen, aber keine Munition

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minarette_plakat_200_quelle_unbekanntDiese Stellungnahme hat Gewicht: Die eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) kritisiert zwar das Plakatsujet der Befürworter, drängt aber nicht darauf, es zu verbieten. Das hätte dem rechtsnationalen Egerkinger Komitee rund um SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer erst recht Zulauf und Kleinspenden gebracht.

Die Entscheidung obliegt nun den Städten: In Basel und Lausanne dürfen die Plakate nicht ausgehängt werden, in St. Gallen und Genf hingegen sind sie erlaubt. Zürich, Luzern und Bern werden morgen oder in den nächsten Tagen entscheiden. Schon jetzt ist klar: Die Schweiz wird zu einem Plakat-Flickenteppich.

Die Publizität, die das Kampagnensujet in den letzten drei Tage erlangte, dürfte bereits den Werbewert einer hohen sechsstelligen Summe erreicht haben. Das Thema ist gesetzt, der Niederschlag im redaktionellen Teil der Medien enorm und fast überall wird das Sujet abgebildet – gratis.

Die Strategie der Befürworter ist fürs Erste aufgegangen: das Sujet soll provozieren, das Geschäft mit der Angst ankurbeln und so den öffentlichen Diskurs befeuern. Es wird nicht über den Inhalt der Initiative diskutiert, sondern über Stil, Verbote, Meinungsäusserungsfreiheit und anderes mehr. Seit dem Messerstecher-Inserat von 1993 ist diese Strategie schon einige Male erfolgreich umgesetzt worden.

Das Empörungsritual setzte schnell ein, es gibt dem Thema erst recht einen Resonanzkörper. Die missionarischen Gegner, die mit fast schon heiligem Eifer kämpfen, leiten weiter Wasser auf die Mühlen der Befürworter. Sie täten gut daran, gelassener aufzutreten, ohne aber arrogant zu werden. Wenn die Emotionen hochgehen, reagiert man besser betont sachlich und ruhig. Es dürfte Baldrian für sie sein, dass laut einer aktuellen Meinungsumfrage 51 Prozent die Initiative ablehnen und nur 35 Prozent befürworten.

Doch zurück zu den Befürwortern. Sie haben einen entscheidenden Fehler begangen: ihre Kampagne startete zu früh. Sie zielt auf den Bauch des Publikums, es geht nur um Emotionen. Das reicht nicht, zumal die Initiative ein kompletter Schwachsinn ist.

Um auf ihr Sujet anzuspielen: Sie stellten zwar die Waffen bereits, aber es fehlt ihnen schlicht die Munition. Das merkt eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizern. Nüchtern wie wir nun mal sind, werden wir bald einmal nach der Substanz der Initiative suchen – und nichts finden.

Staubtrocken müssen wir festzustellen: Wer sich auch nur 10 Minuten mit dieser Initiative auseinandersetzt, wird den Kopf schütteln und konstatieren: sie nützt nichts. Lesen Sie selbst.

Mark Balsiger

7 Comments on “Minarett-Verbotsinitiative: Die Befürworter haben Waffen, aber keine Munition”

  1. priska

    Schön formuliert. Aber lies mal die Beiträge in Diskussionsforen, z.B. auf “20Minuten.ch” und ähnlichen Medien. Erschreckend, wie viel Beifall diese Initiative erhält. Und haarsträubend mit welchen Argumenten.

    Ich bin absolut überzeugt vom genialen Bild des Starwerbers Frank Bodin. Bilder sagen mehr als Worte.

    Sein zweites Sujet mit den Wappen aller Länder, in denen die Religionsfreiehit eingeschränkt ist, und dem Schweizerwappen in der Mitte, ist ebenfalls symbolisch und deshalb unglaublich stark.

    Es sind Welten zwischen dem Niveau von SVP-Plakaten und Frank-Bodin-Plakaten. Schade, erhält Niveau so wenig Resonanz.

  2. Titus Sprenger

    @ Priska
    Erstens denke ich mal, dass viele dieser «Kommentatoren» bei 20min.ch zwar heute einen Ein- oder Zweizeiler hinkriegen, der Abstimmung dann jedoch fernbleiben.

    Zweitens: Keiner dieser Schreiberlinge argumentiert mit regligiösen Gründen. Ich könnte es noch verstehen, wenn sich ein tiefgläubiger Katholik für ein Minarett-Verbot aus Angst wegen der «zunehmenden Islamisierung» ausspricht. Doch davon ist nicht die Rede und dies obwohl mindestens jeder Zweite ein Christ sein müsste…

    Drittens: Es geht diesen Befürwortern nicht um Minarette (wovon sie noch nie eines weder von innen noch von aussen gesehen haben), es geht ihnen nicht um den Islam (von dem sie keine Ahnung haben und vermutlich auch nicht von der Bibel) und es geht nicht um die Burka (deren Bedeutung die meisten ohnehin nicht kennen).

    Es geht denen einzig und allein ums Frust ablassen, wobei sie dies selber gar nicht merken. Ich formuliers mal ziemlich provokativ und plakativ: Islam = Ausländer = Lumpenpack & Schmarozer.

    Und es geht auch gegen die, welche die Iniative ablehnen, also «die Linken», «die Netten», «die Gutmenschen» und was es sonst noch für Übertitel gibt. Da kommt ein ziemliches Frustpaket zusammen.

    Doch woher kommt dieser Frust? Angst vor einer gewissen intellektuellen Überlegenheit seitens der «Linken & Netten» hierzulande?

  3. Mark.Balsiger

    @ Priska

    Die Diskussionsforen der grossen Verlage konnten bislang nicht zur Meinungsbildung beitragen. Bei geschätzten 7 von 10 Kommentaren geht es lediglich darum, auf die Gegenseite oder irgendjemanden einzudreschen.

    Das Ganze geschieht anonym bzw. mit einem Pseudonym. Ich kann dieser Art von “Interaktion” insofern etwas abgewinnen als dass diese Leute mit ihrem Geschreibsel Dampf ablassen können. Eine Form der Psychohygiene.

    Ich finde es schade, dass die grossen Verlagshäuser keine höheren Hürden einbauen. Das würde die Qualität der Kommentare schlagartig verändern.

    Wenn hier jemand “die Sau” rauslässt, ist dieser Kommentar subito entfernt. In fast drei Jahren musste ich gerade einmal ein halbes Dutzend Kommentare tatsächlich löschen. Bei insgesamt mehr als 1300 Kommentaren entspricht das eine Quote von 0,4 Prozent.

    Ein grosses Kompliment an diejenigen, die sich hier an den Diskussionen beteiligen.

  4. priska

    @Titus:

    sehr wohl enthalten die Kommentare religiöse Argumente. Zum Teil von Christen, aber auch allgemein formulierte wie dass es zum Ausüben des Islams keine Minarette braucht etc.

    Grundsätzlich ist es aber egal, welche Argumente sie bringen und um was es ihnen geht. Nichts davon ist auf dem Stimmzettel gefragt. Da reicht ein Ja oder ein Nein. Das enizige Entschiedende ist, ob diese Personen stimmen gehen oder nicht.

    Allgemein möchte ich ergänzen, dass ich die positive Resonanz zur Initiative nicht nur in Foren finde, sondern auch auf Facebook (und ich habe wirklich nicht nur apolitische Freunde, die nicht stimen gehen würden) sowie im Umfeld. Tatsache ist auch, dass Meinungsumfragen der Initiative eine Chance geben.

    Ich bin immer noch zuversichtlich, dass eine Mehrheit des Volkes einsieht, dass eine solche Initiative, ausser ein schlechtes Image der Schweiz in islamischen Ländern, nichts bringt. Ich bin einfach erschreckt darüber, dass so viele Menschen solcher Propaganda zusprechen.

  5. open society

    @ Mark Balsiger

    Das die Kampagne früh, möglicherweise zu früh startete, ist eine Hypothese, von der ich hoffe, dass sie zutrifft. Sicher bin ich mir aber keinesfalls. Denn mit diesem Plakat hat Wieder-Nationalrat Schlüer das gemacht, was er am besten kann: gegen bestimmte Gruppierungen nicht-schweizerischer Herkunft polemisieren.

    Seine Rechnung ist einmal mehr denkbar einfach: Minarette = Islam = Islamisten = Terror.

    Der Abstimmungstermin vom 29. November ist aber tatsächlich noch so weit weg, dass der einen oder dem anderen noch ein Lichtlein aufgehen könnte. Insbesondere die Kirchen sowie andere religiöse Gruppierungen werden gefordert sein. Namentlich aber auch in der Schweiz lebende Muslime. Es wird v.a. an Ihnen sein, den Schweizer Stimmbürgern zu verdeutlichen, dass auch sie

    a) jede Form von Terrorismus unmissverständlich ablehnen und dass
    b) Islam nicht gleich Islamisten sind.

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