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Die Konstellation wäre ideal gewesen: Gestern Abend vermeldete die Zertifizierungsstelle Zewo, dass sie sich mit der Aids-Hilfe Schweiz geeinigt habe. Nur wenige Stunden später war die umstrittene Präsidentin Doris Fiala in der Talk-Sendung “Schawinski” zu Gast. Ihr Auftritt überzeugte nicht, genauso wenig wie zuvor ihre Krisenkommunikation in eigener Sache.

Man kann von FDP-Nationalrätin Doris Fiala (Bild) halten, was man will, etwas muss man ihr lassen: Sie kann wie ein Verteidiger der Squadra Azzurra einstecken. Dass sie ebenso hart austeilt, musste etwa ihr Parteikollege Fulvio Pelli erfahren. Dank ihrer jahrelangen Dauerkritik am Noch-Parteipräsidenten, scharfer Rhetorik und der Volksinitiative gegen das Verbandsbeschwerderecht, die sie mit 1,3 Millionen Franken durchboxte, akzentuierte sie ihr Profil, wurde bekannt und 2007 schliesslich in den Nationalrat gewählt. Die Analogie zum italienischen Fussball ist gewollt, “Forza, Fiala” hiess damals einer ihrer Slogans.

Fiala steht seit nunmehr drei Wochen in der Dauerkritik. Viele andere Politikerinnen und Politiker hätten längst den Bettel hingeschmissen, nicht so die streitbare Zürcherin. Das verdient Respekt. Als gelernte PR-Assistentin und Inhaberin einer PR-Agentur hätte sie allerdings wissen müssen, wie man den Professionalisierungsschub bei der Aids-Hilfe Schweiz kommuniziert. Wenn ein ehrenamtliches Präsidium plötzlich mit 50’000 Franken statt wie bisher mit 20’000 Franken bezahlt wird, sorgt das für Aufsehen, erst recht bei einer Politikerin mit dem Profil Fialas. Also pro-aktiv raus damit.

Rollen erst einmal die negativen Schlagzeilen – Abzocker, Fiala, FDP, Herzensangelegenheit, ach ja?! -, gibts keine Möglichkeit mehr, sie ins Positive zu drehen. Die Geschichte ist gelaufen, die Meinungen sind gemacht, die Journalisten “dissen“, das Volk wettert. Da spielt es keine Rolle mehr, ob der Verein Aids-Hilfe Schweiz Fialas Salär klar gutgeheissen hat. Solche Randnotizen interessieren kaum jemanden mehr.

Die Krisenkommunikation in eigener Sache will ihr nie richtig gelingen, sie muss immer nachbessern oder ihre Position komplett neu erarbeiten. Zuerst sagte sie, ein Nachgeben gegenüber den Forderungen der Stiftung Zewo, die die Zertifizierung für gemeinnützige Organisationen vornimmt, käme einem Schuldeingeständnis gleich. Später akzeptiert sie sie doch. Die gemeinsame Medienmitteilung von gestern Abend:

Medienmitteilung Zewo & Aids-Hilfe Schweiz (19. März; PDF)

Doris Fiala geht die Sensibilität für Schwingungen ab, sie hat auch Mühe, die Lage jeweils richtig einzuschätzen. Das kann an ihrem zupackenden Naturell liegen, am “Go, Fiala, go”, so ein anderer Slogan aus ihrer 2007-er-Wahlkampagne. Sie taucht wie ein Kampfhelikopter aus dem Nichts auf, Staub wirbelt und es wird laut. Zudem gehen ihr die Emotionen durch.

Das zeigte sich gestern Nacht bei Roger Schawinski exemplarisch. Fiala verlor mehrmals die Contenance und damit die Unterstützung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Während des Talks versuchte sie immer wieder, Worthülsen zu platzieren. Bei einem Schawinski funktioniert das nicht. Sie verpasste die Gelegenheit, sich in der Sendung gelassen und klar zu äussern. Und damit auch die Möglichkeit, wieder Vertrauen aufzubauen.

Die Causa Fiala zieht auch andere in Mitleidenschaft: primär die Aids-Hilfe Schweiz, aber auch die FDP und die PR-Branche. Schafft Fiala mit der Aids-Hilfe den Turnaround – im letzten Vereinsjahr resultierte ein Minus von 330’000 Franken – hat sich die streitbare Politikerin rehabilitiert. Dafür bleiben ihr 15 Monate Zeit.

 

P.S.  Wie man die Sendezeit von “Schawinski” mehr als nur überstehen kann, zeigen zwei Parteikolleginnen Fialas: Karin Keller-Sutter (Regierungsrätin SG, inzwischen Ständerätin), am 5. September 2011 mit einer überzeugenden Performance, Christa Markwalder (Nationalrätin BE) am 23. Januar dieses Jahres sogar mit einem Glanzauftritt.

Foto Doris Fiala: keystone

 

9 Kommentare

  1. Bastian sagt:

    Erstens: Lasst doch diese Frau einfach mal ihre Arbeit machen. Danach kann über ihre Leistung geurteilt werden.

    Zweitens: Diese Pseudoempörung soll nur von der eigenen Abneigung, für die Arbeit mit HIV-Positiven Geld zu spenden, ablenken. Wer aufgrund dieses Medientheaters seine Spende zurückzieht, schadet einzig den Betroffenen und ihrer Gesundheit.

  2. @ Bastian

    Meine Worte. Ich schrieb ja, dass Frau Fiala rehabilitiert sei, wenn sie bis in 15 Monaten den Turnaround schaffe.

    Von “Ablenkung” kann hingegen nicht die Rede sein. Gemeinnützige Organisationen dürfen nicht darunter leiden, wenn es Turbulenzen an der Spitze gibt. Doris Fiala hätte ich mehr Fingerspitzengefühl gewünscht, aber sie kriegt ja jetzt noch einmal Kredit.

  3. michèle meyer sagt:

    “unsere” gesundheit hängt weder von frau fiala noch von der aidshilfe schweiz ab. dass frau fiala so tut als wär es so, macht mich wirklich ungläubig kopfschütteln. dann zugleich mit dem finger auf “unsere” behandlungskosten zeigen – ist das fürsprache einer präsidentin einer sogenannten patientenorganisation?

    an erster stelle hängen gut 32 angestellte von der aidshilfe ab, wenn schon. zudem hat die aidshilfe leistungsaufträge und hängt selbst vom BAG ab.

    da nützt worte und tatsachen drehen nicht viel. kredit hin oder her.

  4. Titus sagt:

    Die Einschätzung “Wo immer sie auftaucht, wirbelt sie viel Staub auf und es wird laut” halte ich für sehr treffend. Darum frage ich mich auch: Warum wählte man eine solche Persönlichkeit in ein solches Amt?

    Besonders bei Politiker/-innen besteht immer das Risiko, dass sie nicht nur Menschen anziehen, sondern z. B. aufgrund von politischen Äusserungen oder Standpunkten auch abschrecken können.

  5. @ Michhèle Meyer

    Ihre Präzisierungen sind wertvoll, ich wusste beispielsweise nicht, dass bei der Aids-Hilfe mehr als 30 Personen tätig sind.

    @ Titus

    Wenn Doris Fiala ihre Kontakte einbringt und Grossspenden hereinholt, wird ihre Wahl dereinst wohl anders taxiert. Ob eine weniger pointiert auftretende Person der Aids-Hilfe mehr gebracht hätte? Vorgängerinnen und Vorgänger Fialas gehörten zu dieser Kategorie.

  6. Titus sagt:

    @ Mark Balsiger
    Wurde die PR-Frau Fiala mit entsprechender Kompetenz engagiert oder die Politikerin Fiala mit entsprechenden Kontakten? Geht es um ein bezahltes PR-Mandat oder geht es um eine (kostenlose) “Herzensangelegenheit”?

    Ich denke, Doris Fiala kann als öffentliche Person mit entsprechenden Kontakten z. B. im Rahmen eines Unterstützungskomitees auch ohne PR-Mandat oder Präsidialamt um mehr Spenden für die Aids-Hilfe Schweiz werben – wenn ihr die Sache und nicht das PR-Mandant am Herzen liegt. Leute zu engagieren in der Hoffnung, dass deren Bekanntenkreis das Portemonnaie dann etwas lockerer in der Tasche sitzt, finde ich gefährlich. Das führt zu einer grossen Abhängigkeit von der fraglichen Person.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang noch, was im Jahresbericht 2010 zu lesen ist: “Die Vorstandsmitglieder der Aids-Hilfe Schweiz erbringen ihre Leistungen als Mitglieder des Vorstandes ehrenamtlich.” Das ist auch das, was wohl viele in der Bevölkerung von einer Organisation wie dieser hier erwarten.

    Noch eine interessante Zahl aus dem gleichen Bericht, welche im Widerspruch zur Regel oben steht: “Das Vorstandspräsidium erhält ein jährliches Honorar von CHF 12 000 ausbezahlt.”

    Und schliesslich noch: “Den Mitgliedern des Vorstandes wurden im Berichtsjahr total CHF 22 137 (Vorjahr: CHF 6 964) an Spesen vergütet.” (man beachte die Verdreifachung!).

    Die Zahl 30 lässt sich übrigens anhand der Anzahl online aufgeführten Personen ableiten. Ob es sich tatsächlich um 30 FTE handelt, konnte ich nirgends lesen (ich vermute, es sind weniger).

  7. Der Frauenblog nimmt sich heute der Causa Aids-Hilfe Schweiz und Fiala an, detailliert und kritisch:

    http://bit.ly/GW0Wxy

  8. Ergänzend ein Meinungsbeitrag eines Betroffenen, veröffentlicht im “Sonntag”:

    http://bit.ly/HGHCVE

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