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Für Spott ist gesorgt: Michael Steiners Spot “Grounding 2026″ bleibt im Giftschrank

Mittwoch, 13. Februar 2013 18:32

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Der virale Kurzfilm von Michael Steiner (rechts) zur Abzocker-Initiative wird definitiv nicht verbreitet. Das schreibt der Wirtschaftsdachverband economiesuisse in einer Medienmitteilung. (Das Dokument heisst sinnigerweise “Minderfilm”.) Der dreiminütige Spot mit dem Namen “Grounding 2026″ hätte in der Schlussphase der Abstimmungskampagne gezeigt werden sollen. Mit starken Emotionen wollte der bekannte Regisseur (Grounding, Sennentuntschi, Mein Name ist Eugen, Missenmassaker) die negativen Folgen eines Ja, die er persönlich befürchtet, ins Zentrum stellen.

Dass die Verlautbarung gegen Abend (16.45 Uhr) verschickt wurde, dürfte kein Zufall sein: Man will das Aus für den Spot mit einer möglichst geringen medialen Begleitung über die Bühne bringen. Dafür eignet sich der heutige Tag; er ist reich befrachtet mit wichtigen Themen: Lasagne-Skandal, Olympia 2022, Hypothekarblase und Barack Obamas “State of the Union”, um nur vier zu nennen. Sie vermögen Steiners Spot nicht komplett zuzudecken, aber sie verdrängen ihn immerhin von den besten Plätzen. Das war bewusstes Timing, und das könnte economiesuisse gelingen.

Wenigstens das, ist man geneigt anzufügen. Bei der Nein-Kampagne war von Anfang an der Wurm drin, gefolgt von einem hässlichen Ausrutscher. Dazu kommt als gravierender Malus die Prädisposition: Nach der jahrelangen Verschleppungs- und Vernebelungstaktik im Parlament verrauchte die Wut der Leute auf die Abzocker nicht. Im Gegenteil. Mithin fehlt das Fundament, um den Souverän von einem Nein zu überzeugen. Gewichtige Argumente gibt es, sie können sich aber kaum festsetzen. Zu vieles ist in den letzten Monaten suboptimal oder gar schlecht gelaufen, das Vertrauen in Politik und Wirtschaft stark beschädigt.

Der Kampagnen-Spot Steiners soll gegen 300’000 Franken kosten. Das entspricht knapp 4 Prozent des gesamten Budgets (8 Millionen Franken). Vor vier Jahren zeigten ein paar junge engagierte Köpfe, wie man mit wenigen tausend Franken einen viralen Spot (für die Bilateralen) produziert und erfolgreich verbreitet. Mehr als 700’000 Views bei 5000 Franken Aufwand, dazu kam eine mediale Befeuerung rund um diesen Kurzfilm, der inzwischen leider nicht mehr im Netz ist.

Natürlich ist es gut möglich, dass Steiners Spot doch noch auftaucht und sich rasant verbreitet. Eine Wirkung im Sinne des Nein-Lagers wird er aber nicht erzielen. Emotionen lassen sich nicht erfolgreich mit Emotionen bekämpfen – so lautet eine These von mir.

Das Grounding von “Grounding 2026″ sorgt zunächst einmal für Spott und Häme. Es stärkt aber auch das Lager von Initiant Thomas Minder, weil wir über die Metaebene der Metaebene diskutieren – eine absurde Entwicklung. Dabei wäre es dringend nötig, in der guteidgenössischen Tradition die Vorlage sachlich aufzuarbeiten. Stattdessen werden am 3. März die Zeichensetzer durchmarschieren.

 

Nachtrag von 19.15 Uhr:

Wie die NZZ schreibt, wollen die beiden Promotoren der Abzocker-Initiative, Thomas Minder und Claudio Kuster, den Kurzfilm von Michael Steiner kaufen. Ein fünfstelliger Betrag werde sich schon auftreiben lassen.

 

Nachtrag vom 21. Februar 2013:

Der Film zur Bilateralen-Abstimmung vom 8. Februar 2009 ist heute wieder online geschaltet worden. Hier: http://tagesnews.com/

 

Foto Michael Steiner: aargauerzeitung

 

 

Thema: Abstimmungen, Kampagnen, Krisen & K-Kommunikation, Medien, Werbung | Kommentare (15)

Wenn Politwerbung Schauder auslöst

Dienstag, 15. Januar 2013 7:16

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Im Kielwasser der Abzocker-Initiative segelt die Abstimmung über das revidierte Raumplanungsgesetz (RPG) in Richtung 3. März. Seit ein paar Tagen laufen die Kampagnen, was eine kurze Einschätzung ermöglicht.

Werbung kann vor allem dann eine Wirkung erzielen, wenn sie massiert sichtbar ist, das stärkste Argument verdichtet oder mit einer Provokation verknüpft.

Die Gegner des RPG setzen auf Provokation mit dem Vorschlaghammer. Das kann bei etlichen Betrachterinnen und Betrachtern Schauder auslösen. Die hässlichen Hochhäuser hinter dem Bundeshaus erinnern an Plattenbauten in Krakau oder Bratislava.

Die Kombination von gelber Farbe auf schwarzem Hintergrund knallt. Kreative, die ich befragte, bezeichnen das Sujet allerdings als “hässlich”, auch handwerklich überzeuge es nicht.

Meine Kritik zielt in eine andere Richtung: Stimmt die Aussage? Wären die Mieten in solchen Hochhäusern tatsächlich Horror? Zurzeit sicher nicht, das Gegenteil trifft zu: Wer in solchen Wohnungen lebt – oder leben muss -, zahlt tiefe Mieten. Der Transfer von “tief” zu “Horror-Mieten” funktioniert nicht. Deshalb dürfte dieses Sujet seine Wirkung weitgehend verfehlen.

Clever finde ich, dass das gegnerische Komitee insgesamt elf verschiedene Sujets produziert hat. Sie zeigen die zubetonierte Wohnsituation in elf verschiedenen Städten oder Gegenden, von Appenzell über Morcote (TI) bis Zürich. Diese Regionalisierung führt eher zu Betroffenheit als bloss ein Sujet, das in der ganzen Schweiz verwendet wird.

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Das Ja-Sujet präsentiert sich mit einer überlegten Aufteilung des Raums, die beiden Kernbotschaften stimmen. Gut ist, dass sowohl die URL wie der Kringelcode (auch QR-Code genannt) aufscheinen. Ein geschickter Zug ist die Verwendung des Schweizerkreuzes. Insgeheim dürfte das die Gegner ärgern.

Auf Plakaten erzeugt dieses Sujet aber keine Wirkung, weil es übersehen wird. Der weisse Hintergrund ist ein “No-go”. In den Inseraten werden die Köpfe einzelner Befürworterinnen und Befürworter dazugestellt. Das sieht ganz passabel aus. Dank der Prominenz und der Glaubwürdigkeit der Protagonisten kann bei dieser Vorlage etwas erreicht werden – ein Klassiker in der Politwerbung.


Die Kampagnen im Netz:

- rpg-revision-nein.ch
- ja-zum-raumplanungsgesetz.ch

Die beiden Facebook-Pages dümpeln noch in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin: Die Gegner bringen es derzeit auf 64 “Likes” (Stand 15. Januar), die Befürworter auf 89.

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Bezahlte Online-Kommentare: Medien tolerieren “Dialogkultur”, die ihnen schadet

Samstag, 29. Dezember 2012 18:51

Eine hässliche Blüte, die der Abstimmungskampf um die Abzocker-Initiative getrieben hat: Studenten schreiben im Stundenlohn und unter falschen Namen Online-Kommentare. “Pfui!” erschallt es vielstimmig in Social-Media-Kanälen. Mit Recht. Bewegen müssten sich allerdings die grossen Medienhäuser, die auf ihren Online-Portalen eine “Dialogkultur” heranwachsen liessen, die ihnen selber schadet.

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Wenn es bei Abstimmungen
hart auf hart geht, werden bei einzelnen Akteuren ethische Codices zu Makulatur. Eine Zürcher Werbeagentur verschob die Grenzen und heuerte Anfang Dezember ein paar Studenten an. Mit Textbausteinen ausgerüstet, füllten sie auf Onlilne-Portalen die Kommentarspalten. Systematisch und mit falschen Namen schrieben sie gegen die Abzocker-InitIative an und manipulierten so die öffentliche Meinung. Wer die Instruktionen liest, die der “Tages-Anzeiger” in seiner heutigen Ausgabe publik macht, wähnt sich im falschen Film.

Es ist kein Problem, auf den grossen Online-Portalen mit einem Pseudonym oder mit einem falschen Namen mitzudebattieren; teilweise werden nicht einmal die hinterlegten E-Mail-Adressen verifiziert. Das Angebot ist bewusst niederschwellig, lautet doch die Devise bei den Medienhäusern: Je mehr Kommentare, desto besser. Sie wollen die User emotional an ihre Online-Portale binden, Communitys auf- und ausbauen. Das Rennen um Visits und Klicks geht weiter.

Exemplarisch der Aufruf zum Kommentieren von Blick online:

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Es liegt auf der Hand:
Wer online mit einem Pseudonym oder einem falschen Namen debattiert, kann kräftig und dumpf austeilen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das ist für ein paar Hundert Leute in diesem Land offensichtlich ein Freipass: Sie lassen Dampf ab, pöbleln und diffamieren. Wer sich einmal durch ein paar Dutzend Kommentare zu einem kontroversen Thema gelesen hat, kennt diese “Dialogkultur”. Sie konnte sich etablieren, weil die Betreiber zu viele Beiträge auf lamentablem Niveau freischalten.

Das es anders geht, zeigte das Wahlbistro, das ich 2008 lanciert hatte und 2010 aus zeitlichen Gründen leider wieder einstellen musste. Dort war die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wer mitdebattieren wollte, musste nach der Registrierung zuerst von den Betreibern telefonisch verifiziert werden. Diese Massnahme wirkte sich positiv auf die Qualität der Kommentare aus, alle Teilnehmenden konnten nur mit ihren echten Vor- und Nachnamen Kommentare veröffentlichen.

Wenn die Medienhäuser ihre teilweise noch starken Marken nicht irreparabel schädigen wollen, sollten sie nun endlich Gegensteuer geben. Wer 15 Prozent Marge erzielt, kann es sich leisten, den Online-Kommentaren die nötige Aufmerksamkeit zu geben.

Dasselbe sollten sich die engagierten Leute der Diskussions-Plattformen Vimentis und Politnetz zu Herzen nehmen. Ich schaffte es vor ein paar Stunden auch dort problemlos, mit einem Fake-Konto (“Hans aus Bern”) Kommentare zu publizieren.

Screenshot aus “Politnetz”:

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Ich bin gespannt
, wie sich der Branchenverband der führenden Werbe- und Kommunikationsagenturen (bsw) und, so sie angerufen werden, die Schweizerische Lauterkeitskommission und der Schweizer Presserat zu diesem Fall äussern.

Weitere Beiträge zum Thema:

- Vimentis: Gegner der Abzocker-Initiative kaufen Leser-Kommentare (Thomas Minder)
Der identische Text erschien übrigens auch auf Politnetz. Dort aber wird Claudio Kuster als Autor genannt. Er ist die rechte Hand von Ständerat Minder.

- Arlesheim-Reloaded: Wissen Journis nicht, wie der Hase läuft?

- Cash: Gekaufte Studenten schreiben auf Newssites gegen Abzocker-Initiative
(Mit Updates der sda)

- Jacqueline Badrans Blog: Dauerbrenner Kommentare – ein Lösungsvorschlag

- Tages-Anzeiger/Bund: Polit-Werber auf Abwegen (31. Dez.; Iwan Städler)

- Medienwoche: Kommentare kaufen ist nicht Guerilla-PR (10. Jan. 2013; Daniel Jörg)

Nachtrag vom 14. April 2013:

Inzwischen liegt eine Untersuchung über die Online-Kommentierer vor. Das Medienmagazin “Edito” fasst zusammen, wie die Leute politisch ticken und was die grossen Medienportale mit den vielen Kommentaren anstellen.

 


Foto: adi

 

 

 

Thema: Abstimmungen, Kampagnen, Medien, Social Media, Werbung, Zürich | Kommentare (6)

Damit Kampagnen ins Schwarze treffen

Montag, 17. Dezember 2012 6:57

In den letzten sechs Jahren habe ich es hier mehrfach thematisiert: Viele Abstimmungs- und Wahlkampagnen verpuffen wirkungslos. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der Strategie fehlt die Stringenz, die Botschaft ist zu kompliziert, die Sujets werden übersehen…

Vor genau zwei Wochen stellte ich die Kampagne von economiesuisse gegen die Abzocker-Initiative von Ständerat Thomas Minder vor. So kritisierte ich unter anderem dieses Plakatsujet, weil die Protagonistin eine Nullaussage von sich gebe:

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In den darauffolgenden Tagen schrieb mir die Kommunikationsabteilung von economiesuisse eine Mail. Mein Posting habe sie “auf Trab gehalten”. Der Text mit der Frau sei in der Tat “etwas schwammig” und man habe meinen Input, der auch in der “SonntagsZeitung” aufschien, aufgenommen.

Die überarbeitete Version wird von heute an ausgehängt. Sie präsentiert sich so:

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Schön, wenn Postings stärkere Kampagnen ermöglichen. #schulterklopf

Trotz der klaren Verbesserung: Am Text hätte man noch weiter hobeln können. Ein Beispiel:

“Die Initiative ist nicht schlecht.
Aber nur der Gegenvorschlag wirkt sofort.”

Vorsicht, denn jetzt kommt die Werbung in eigener Sache: Meine Agentur hat in den letzten zehn Jahren rund vierzig Abstimmungs- und Wahlkampagnen konzipiert und teilweise auch umgesetzt – kleinere und grössere. Dabei konnten wir viel Erfahrung sammeln, Fehler sind uns dabei selbstverständlich auch unterlaufen – kleinere und grössere.

Insgesamt haben wir aber im Verlaufe dieser langen Zeit ein gutes Gespür dafür entwickelt, was funktioniert und was nicht. Die Konsequenz daraus: Wir haben ein neues Angebot entwickelt. Es heisst Strategie- und Kampagnen-Check. Mit einem Aufwand von einem bis drei Arbeitstagen röntgen wir Strategie, Umsetzung und Sujets. Und dann machen wir Verbesserungsvorschläge. Damit die Kampagne doch noch ins Schwarze trifft.

economiesuisse hat ein Budget von 6 bis 8 Millionen Franken zur Verfügung, um die Abzocker-Initiative zu bekämpfen. Ich bin gespannt, was der Wirtschaftsdachverband für meinen Input springen lässt. Ich würde den Obolus einem guten Zweck spenden.

 

Sujets zvg: economiesuisse

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Wer Ausgrenzung anprangert, sollte selber keine Ausgrenzung betreiben

Dienstag, 2. Oktober 2012 19:14

In den letzten Jahren haben sich die Juso gelegentlich die Freiheit herausgenommen, in ihren Kampagnen auf den Mann – oder die Frau – zu spielen. Einmal wurde Bundesrätin Doris Leuthard wegen der Kriegsmaterial-Initiative mit blutigen Händen abgebildet, ein anderes Mal die Ospels, Grübels und Vasellas als halbnackte Abzocker. Das waren Provokationen, die zu 24-Stunden-Aufreger wurden, mehr nicht.

Eine neue Stufe erreicht die Kampagne für eine faire und menschenwürdige Asylpolitik, die Amnesty International und diverse andere NGO eben lancierten. In einem Videoclip werden die SVP-Mannen Christoph Blocher und Ueli Maurer als Asylbewerber dargestellt, die aus purer Not ihr Maskottchen aus besseren Zeiten, den Geissbock Zottel, in den Kochtopf stecken:

Mit dieser Kampagne spielen etablierte NGO, die eine wichtige Funktion in der Gesellschaft wahrnehmen, zum ersten Mal hart auf den Mann. Sie stellen eigentliche Hassfiguren der Schweizer Politik ins Zentrum ihrer Kritik. Damit betreiben sie Ausgrenzung, obwohl sie selber Ausgrenzung anprangern. Ob diese Haudrauf-Satire ausserhalb dem eigenen Kreis Applaus und Denkprozesse auslöst, ist offen.

Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Tagen das Referendum gegen das letzte Woche verschärfte Asylgesetz ergriffen wird. Die Abstimmung dafür fände vermutlich im Herbst 2013 statt. In derselben Phase dürfte die Unterschriftensammlung der SVP für ihre neue Asylinitiative beginnen. Und damit bleibt das Thema bis ins eidgenössische Wahljahr 2015 am Kochen. Wer davon profitiert, ist klar.

Die Verelendung der Flüchtlinge, wie sie Christof Moser in seiner Analyse ortet, nimmt ihren Lauf. Seit mehr als dreissig Jahren.

 

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Wie aus dem Lehrbuch – zu Beginn

Samstag, 4. August 2012 8:00

Dieser Tage sorgt ein Plakat mit einem schwulen CVP-Paar in der halben Schweiz für Aufmerksamkeit. Die Rechnung ist aufgegangen, freuen sich die Zürcher Akteure. Allerdings machten sie auch simple Fehler.

Offen gesagt: Ein solches Sujet hätte ich der CVP des Kantons Zürich nicht zugetraut. Sie verbucht damit einen Überraschungseffekt, die erste Phase der Kampagne rollt an wie im Lehrbuch:

Am Montag hängen die ersten Plakate in der Stadt Zürich, tags darauf greift der “Blick am Abend” die Kampagne auf. Die Medienkonferenz findet am Donnerstag statt. Weil noch hochsommerliche Newsflaute herrscht und der Teaser “schwul” weiterhin wirkt, ist die massenmediale Resonanz gross. Selbst in Basel wird das Thema gross gefahren und ein welsches Gay-Magazin befasst sich ebenfalls damit.

Stadtparteipräsident Markus Hungerbühler (rechts), sein Lebenspartner Dominik Mazur, auch er CVP-Mitglied, und die Kantonalzürcher CVP verpassten es mit ihrer Aktion, die Gunst der Stunde optimal zu nutzen. Inhalte formulierten sie keine. Stattdessen wissen wir nun, dass noch 79 weitere Plakatsujets mit CVP-Köpfen folgen werden – gestaffelt über mehrere Jahre.

Dass Websites bei Parteien und Politiker oft in Vergessenheit geraten, ist bekannt. Der aktuelle Fall der CVP ist exemplarisch: Erst am Freitagabend schaltete die Kantonalpartei einen Medienspiegel auf. Zeitgleich platzierte Hungerbühler ein paar wenige Zeilen auf seiner Website. Die Referate bzw. Informationen der Medienkonferenz sind nicht online verfügbar.

Und jetzt wirds grotesk: Die CVP-Stadtpartei würdigt die enorme Präsenz ihres Präsidenten bislang mit keiner Zeile. Der Surfer wird “herzlich willkommen” geheissen. Prominent in der Mitte der Website ist die “neue Ausgabe” des vierteljährlich erscheinenden Magazins Vitamin CVP zum Herunterladen bereit. Sie stammt vom Dezember 2011.

Auf Facebook hätte die Partei unmittelbar nach der Medienkonferenz eine Diskussion über die Einführung des Adoptionsrechts von schwulen und lesbischen Paaren lancieren können. Damit wäre die nationale Partei herausgefordert gewesen, der Diskurs hätte weitere Aufmerksamkeit und ein schärferes Profil zu Folge gehabt. Nichts dergleichen geschah, die Page der Kantonalpartei verzeichnet gerade einmal 13 Likes und Protagonist Hungerbühler mochte offensichtlich nicht in ein Wespennest stechen.

Dieser Fall zeigt einmal mehr: Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist bei den Schweizer Parteien noch nicht richtig angekommen. Es passieren immer wieder die altbekannten Fehler.

Mark Balsiger

Foto/Plakat: zvg/blick

 

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Wo der Rubel bei Volksabstimmungen liegt

Dienstag, 21. Februar 2012 22:38

Die Rufe nach mehr Transparenz bei Volksabstimmungen und Wahlkämpfen erschallen seit Jahren regelmässig. Druck aufgesetzt hat im letzten Herbst die Staatengruppe des Europarats gegen Korruption, besser unter dem Namen Greco bekannt. Nachdem das welsche Magazin “L’Hébdo” vor Jahresfrist das Thema mit grossem Engagement aufgearbeitet hatte, publizierte heute die Universität Zürich (Forschungsstelle sotomo) eine Studie dazu.

Im 41 Seiten umfassenden Dokument mit dem schönen Titel “Das politische Profil des Geldes” wurden u.a. 35 Volksabstimmungen analysiert. Erfasst haben die Forscher Plakatwerbung, Print (Inserate, Reklamen, Publireportagen) und Kinospots. Die Data stellte die Marktforschungsfirma Media Focus zur Verfügung. Nicht eruiert wurden beispielsweise Postwurfsendungen, ein Teil der Onlinewerbung sowie die Kosten für Beratung und Kreation.

Dank dieser Studie wissen wir nun, welche Budgets bei den Volksabstimmungen zwischen Mai 2005 und Februar 2011 zur Verfügung standen. Am meisten Geld wurde bei der Abstimmung für die Fortführung/Erweiterung der Personenfreizügigkeit vom Februar 2009 ausgegeben, nämlich 11,1 Millionen Franken. Das Schlusslicht markiert die Vorlage “Verzicht auf allgemeine Volksinitiative” vom September 2009. Dafür wurden nur gerade 1000 Franken eingesetzt.

Die aufgelisteten Summen führen uns vor Augen, wie ungleich die Mittel verteilt sind. Bei fünf von sechs kann ein Lager mehr als doppelt so viel Geld verwenden wie das andere Lager. Bei fast 70 Prozent aller Abstimmungen sei das Ungleichgewicht sogar grösser als das Verhältnis 4:1, schreiben die Forscher. Überraschend ist dieser Befund weiss Gott nicht. Nur gerade bei 3 der 35 Vorlagen waren die Spiesse in etwa gleich lang:

- Beitritt Schengen/Dublin: je 3,4 Mio. Franken  (5. Juni 2005)
- Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts: 1,5 Mio. (Ja-Lager) vs. 1,4 Mio. (Volksabstimmung vom 30. Nov. 2008)
- Personenfreizügigkeit: 6 Mio. (Ja) vs. 5,1 Mio. (8. Febr. 2009)

Die Studie von Sozialgeograf Michael Hermann et al. ist eine Fleissarbeit und innerhalb von wenigen Monaten entstanden. Sie liefert wichtige Anhaltspunkte. Die beiden entscheidenden Fragen bleiben aber weiterhin unbeantwortet:

- Woher genau stammt jeweils das Geld für die Kampagnen?
- Gibt es einen dynamischen Zusammenhang zwischen Mitteleinsatz, Werbung und Abstimmungserfolg?

Die erste Frage wasserdicht aufzuarbeiten, wäre schier unmöglich gewesen; über Geld spricht man nicht in diesem Land. Die Beantwortung der zweiten Frage hätte eine grössere Gruppe Politikwissenschaftler und aufwendige Regressionsanalysen benötigt. Dafür fehlte die Zeit und – nomen est omen – das Geld. So liegt nun eine Studie vor und wir wissen eigentlich doch nur, was wir schon immer ahnten.

In der Frühjahrssession wird sich der Nationalrat mit der Motion “Transparenz bei der Finanzierung von Abstimmungskampagnen” befassen. Der Ständerat votierte bereits im letzten Jahr dafür.  In der grossen Kammer wird es ein Nein geben. Auf “hold” sind mehrere Volksinitiativen, die eine kleine Gruppe um die beiden SP-Nationalräte Andreas Gross (ZH) und Andy Tschümperlin (SZ) ausgearbeitet hatte. Um ihr Anliegen breiter abzustützen, wurde inzwischen den Trägerverein “Mehr Transparenz” ins Leben gerufen. Das Geld für die Lancierung einer Volksinitiative fehlte bislang allerdings.

Download: Studie: “Das politische Profil des Geldes” (PDF)

- Foto Banknoten: keystone
- Grafik/Smartspider: sotomo

In welche Politikfelder bei Volksabstimmungen zwischen 2005 und 2011 am meisten Werbegeld floss:

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Die Apokalypse aus dem grünen Thurgau

Mittwoch, 14. September 2011 18:04

Vor zwei Wochen stellte ich hier mehrere Videoclips ins Netz. In einem “10vor10″-Beitrag und anderswo machte ich ein paar generelle Einschätzungen zu dieser Form von Wahlwerbung. Kommentiert – und reklamiert – wurde dann vor allem via Twitter, telefonisch und per E-Mail. Womöglich ein Indiz dafür, wie nervös die Parteien und Kandidierenden sind.

Der neuste Clip stammt von den Grünen aus dem Kanton Thurgau. Sie beauftragten zwei junge Regisseure, und was diese ablieferten, legt die Latte für künftige Produktionen hoch: Ein überzeugendes Drehbuch, technisch hochstehend, Dramaturgie, starke Bilder und viel Emotionen. Zuweilen erinnert er an Spielfilme, das Apokalyptische kann den Grünen indessen auch zum Vorwurf gemacht werden. Sie politisierten in ihren Anfängen mit Weltuntergangsrhetorik.

Aber schauen Sie selber:

Schon nach wenigen Tagen hat dieser Spot allein auf dem Videoportal Youtube mehr als 4’000 Klicks erreicht. Das ist etwa 20 Mal mehr als die Wahlkampfvideos in der Schweiz sonst im Durchschnitt angeschaut werden. Und wir können davon ausgehen, dass die Verbreitung nun rasant weitergeht.

Der kleine Film der FDP.Die Liberalen, der schon im Frühjahr produziert wurde, gefällt mir ebenfalls gut. Parteipräsident Fulvio Pelli zeigt sich von seiner sportlichen Seite, und das überzeugend. Und er führt mit seiner Stimme durch den Film. Das gibt ihm Glaubwürdigkeit.

Ob Videobotschaften und Videoclips zusätzliche Stimmen brächten, werde ich immer wieder gefragt. Ich antworte jeweils: Gute Clips werden viral verbreitet und oft auch massenmedial aufgegriffen. Das erzeugt Aufmerksamkeit. Und wer regelmässig die Aufmerksamkeit hat, kann an seinem Image arbeiten, das Profil schärfen und schliesslich auch zusätzliche Stimmen holen.

Thema: Kampagnen, Medien, Social Media, Wahlkampf national, Werbung | Kommentare (3)

Videoclip ab, der Spass beginnt

Dienstag, 30. August 2011 12:04

Nationalrat Ruedi Noser hat es letzte Woche auf den Punkt gebracht: “Ich habe genug dilettantische Youtube-Videos gesehen.” Deshalb lässt der Freisinnige nun einen eigenen Videoclip produzieren, “10vor10″ war beim Dreh dabei. Obwohl dieser Beitrag bislang noch nicht ausgestrahlt wurde, kursieren bereits Fotos davon – dem fixen Konrad Weber sei dank, der bei SF ein Praktikum absolviert und schon geraume Zeit virtuos mit Web2.0-Kanälen umgeht.

Videos mit Pfiff brauchen keine grossen Budgets. Sie brauchen eine starke Idee, eine taugliche Kamera und ein Mikrofon, das dem Protagonisten unter das Kinn gehalten wird, wenn er spricht. Gerade Letzteres will und will in der Schweiz nicht klappen. Im Netz trudeln seit Jahren Videos von Hunderten von Politikerinnen und Politiker herum, die man akustisch kaum versteht. Dazu kommen verwackelte Bilder, schlechte oder keine Bildschnitte, fehlende Spannungsbogen und, und, und. Jemand sprach schon einmal von Realsatire.

Ein weitgehend gelungenes Video stellte Ralf Bucher, CVP-Nationalratskandidat aus dem Kanton Aargau, ins Netz:

Zwei Ticks weiter ist die Berner Grossrätin und Nationalratskandidatin Nadine Masshardt (sp) und ihr Kreativteam.  Sie liess dieses Jahr bereits vier Videoclips produzieren. Sie sind allesamt kurz, frech, witzig und sie schrammen haarscharf an potenziellen Klagen vorbei, weil sie bestens eingeführte Kino- und TV-Werbung von bekannten Marken aufgreifen: Nespresso mit George Clooney, Graubünden Tourismus, Brillen Fielmann und die Migros – ein M besser. Doch schauen Sie selbst:

http://www.youtube.com/watch?v=R6NiqsbImyQ

Masshardts Videos werden viral weiterverbreitet, weil sie Spass machen und uns zum Schmunzeln bringen. Sie schafft es damit auch ins  “10vor10″, womit sich der Aufwand definitiv gelohnt haben dürfte.

Foto Videodreh: Konrad Weber

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Die Juso, das Bier und der Kühlturm

Montag, 22. August 2011 12:21

Werbung wirkt oder wird nicht zur Kenntnis genommen. Zweiteres kommt sehr oft vor. Das gilt insbesondere auch für politische Werbung.

Aus der Sommerpause melden sich die Juso des Kantons Bern zurück. Mit diesem Sujet ziehen sie in den Wahlkampf 2011:

Was sofort auffällt, ist die grafische Qualität. Da hat niemand über Nacht irgendwie am Desktop herumgebastelt. Dieses Mal war ein Profi am Werk. Das kontrastiert mit dem Schrott, exgüsé, den die Juso in früheren Jahren produzierte. Damals galt offensichtlich die Losung: provozieren auf Teufel komm raus.

Ein neuer Stil? Oder Zufall?

Das Kühlturm-Sujet ist keine Bieridee, sondern clever, weil die AKW-Problematik Mühleberg und Fukushima aufgegriffen wird. Ob es allerdings knallt, d.h. ein Schwarztreffer wird, ist offen. Ein Bürokollege von mir – nicht Suppino – meinte eben, das Sujet sei “etwas verkopft”. In der Tat braucht man mehr als eine halbe Sekunde, bis der Groschen fällt. Wer den Bier-Kühlturm auf einem Flyer in den Händen hält, wird abgeholt, wer das Sujet flüchtig im Netz oder als Plakat auf der Strasse sieht, bleibt womöglich auf der Strecke.

Thema: Bern - Kanton, Kampagnen, Parteien, Werbung | Kommentare (1)