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Wahlbistro - die Antwort auf die anonyme Bashing-Kultur in Foren und Blogs

Mittwoch, 3. Februar 2010 15:13 | Kommentare

Die politischen Akteure bekunden zunehmend Mühe, die Menschen in diesem Land zu erreichen. Die Gründe liegen einerseits bei der Politik selber. Andererseits aber auch bei den etablierten Medien, die mit schlechten Arbeitsbedingungen kämpfen und sich schleichend entpolitisieren.

Innert kurzer Zeit haben verschiedene Onlinemedien den Durchbruch geschafft. Mit ihrem Aufkommen ist ein neues Phänomen akzentuiert zu Tage getreten: das Kommentieren von Artikeln bzw. das Mitdiskutieren in Foren. Wer sich einmal durch die vielen Kommentare gelesen hat, braucht danach, je nach Naturell, Baldrian oder einen Boxsack. Wer das noch vor sich hat: exemplarisch wird die Problematik im Forum des “Club” vom 1. Dezember 2009 sichtbar.

Das Niveau ist oft lamentabel. Viele Kommentare sind diffamierend, und in aller Regel geben sich die Verfasser nicht mit ihrem echten Namen zu erkennen, sondern verstecken sich hinter Pseudonymen.

Gerade in der jetzigen Phase wären aber echte Debatten wichtig - auch in der Breite. Es reicht nicht, wenn die Mitglieder des “Club Helvetique” mit fein gedrechselten Worten in die Tiefe gehen und dank ihrer Deutungsmacht eine grosse mediale Beachtung finden. Eine breitere Masse sollte involviert werden.

Hier setzt das virtuelle Diskussionsforum Wahlbistro an. Es handelt sich um ein Non-Profit-Projekt, das die Interaktion unter politisch Interessierten verbessern will.
Bistro Adrianos

Im Gegensatz zu allen anderen Foren oder Blogs ist im Wahlbistro die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wir als Betreiber werden alle Interessierten, die mitdebattieren möchten, zuerst telefonisch verifizieren. Auf diese Weise sorgen wir für eine bessere Diskussionskultur. Fakes und sogenannte Trolls sollen sich anderswo austoben.

Das Wahlbistro war bereits im Herbst 2008 als Pilotprojekt geöffnet. Rund 180 Personen beteiligten sich im Vorfeld der kommunalen Wahlen im Kanton Bern an den Debatten. Jetzt steht das Wahlbistro Bern vor der Wiedereröffnung, Mitte Februar geht es los. Im Wahlbistro Zürich ist seit Anfang dieser Woche die erste Debatte im Gang. Sie zeigt, dass offensichtlich das Bedürfnis nach einem solchen Forum besteht.

Für das Wahlbistro erkenne ich auch langfristig kein Geschäftsmodell. Es soll jeweils nur in den letzten Wochen vor einem Wahltermin betrieben werden. Längere Öffnungszeiten machen keinen Sinn bzw. sie würden zu viel zeitliche Ressourcen fressen.

Entscheidend sind in der jetzigen Phase Parteien, Kandidierende, politisch Interessierte und Blogger. Nur wenn sie alle mithelfen, dieses Diskussionsforum bekannter zu machen, kann es ein Erfolg werden. Gefragt sind: Links, Links und nochmals Links.

Bereits beim Pilot im Herbst 2008 zeigte sich: Jeder Kommentar im Wahlbistro erreicht pro Tag mehr Leute als jedwelche Aktion einer Partei. Nur schon aufgrund dieser Tatsache müssten eigentlich innerhalb von 24 Stunden hunderte von Links auf das Wahlbistro gesetzt werden.

Aber halt, ich habe vorübergehend vergessen, dass wir uns in Milizstrukturen und in einem Umfeld bewegen, das Neuerungen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.

Archiv zum Thema:

Virtuelles Wahlbistro ermöglicht Debatten rund um die Uhr (5. August 2008)

Thema: Bern (Kanton), Blogosphäre & Web 2.0, Krisen, Politik national, Zürich | Kommentare (4)

Die gesellschaftspolitische Debatte zur Minarett-Abstimmung bleibt aus

Dienstag, 26. Januar 2010 23:10 | Kommentare

Vielleicht ist Julia Onken insgeheim erleichtert über die Ergebnisse der Vox-Analyse. Diese zeigt auf, dass die linken Frauen für den Umschwung bei der Anti-Minarett-Initiative nicht mitverantwortlich waren. Am 29. November 2009 resultierte, wir erinnern uns, mit 57,5 Prozent ein sattes Ja.

Onken wurde über Nacht zur prominenten Vorkämpferin für die Initiative im feministischen Lager und sorgte damit für Irritationen. In einer Mail an 3000 Frauen legte sie ihre Argumente für ein Ja dar, später tat sie das in vielen Medienauftritten. Wie sie argumentierte, zeigt dieses Beispiel exemplarisch.

Doch zurück zur Vox-Analyse: Nur gerade 16 Prozent der linken Frauen stimmten für die Initiative. Das Ja wurde möglich, weil zwei von drei Stimmbürgern der politischen Mitte für ein Minarettverbot stimmten. Die Basis von CVP und FDP folgten den Parolen der Delegiertenversammlungen nicht. Bei der CVP stimmten 54 Prozent Ja, bei der FDP sogar 60 Prozent.

Die Beweggründe und Zahlen liegen auf dem Tisch. So weit, so gut. Die Debatte, die seit dem Abstimmungssonntag im Gang ist, dreht sich vor allem um Rechtsstaat und direkte Demokratie. Über den Umgang mit Minoritäten und andere gesellschaftspolitische Aspekte wurde bislang kaum debattiert. Eine verpasste Chance.

Die Arbeit der Politikwissenschaftler der Universität Bern zum Herunterladen:

Vox-Analyse zur Anti-Minarett-Initiative (PDF)

Nachtrag vom 31. Januar 2010:

Das Forschungsinstitut gfs.bern hat bislang 53 Abstimmungsumfragen gemacht. In 95 Prozent aller Fälle stimmten die Prognosen (gfs.bern spricht jeweils von Momentaufnahmen) mit dem Abstimmungsergebnissen überein. Soweit zu den Fakten.

Nach dem Ja zur Anti-Minarett-Initiative vom 29. November 2009, das gfs.bern nicht voraussagte, prasselte heftige Kritik auf die Forscher ein. Institutsleiter Claude Longchamp selber sagt, er habe als “Blitzableiter der Nation” herhalten müssen. Die “Berner Zeitung” nähert sich Longchamp und diesem Fall an.

Longchamp erklärt (30.01.2010; PDF)

Thema: Abstimmungen, Bundesrat, Krisen, Parteien, Politik national | Kommentare (10)

Die SP irgendwo zwischen schmelzenden Polen, jungen Frauen und Filzfinken

Samstag, 23. Januar 2010 18:43 | Kommentieren

Seit einigen Tagen ist in verschiedenen Bahnhöfen des Kantons Bern dieses Plakat ausgehängt. Eine klassische Teaserkampagne.
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Jetzt ist klar, welche Partei dahinter steht. Es ist die SP. Sie hielt heute ihren Parteitag ab und lancierte dabei das Berner Energie-Manifest. In ihrer Kampagne für die kantonalen Wahlen vom 28. März auf das Thema Energie zu setzen, hat zweifellos Potenzial.

Bloss: Was soll der Teaser mit der jungen Frau? Was ist ihr Problem: Keine Lehrstelle, der Bus vor der Nase abgefahren, zu viel getrunken, vom Freund verlassen? Alles ist möglich. Beliebigkeit statt eine klare Message. Die SP hat die Gelegenheit verpasst, pointiert mit einem Thema auf sich aufmerksam zu machen. Dabei stand das richtige Teasersujet bereit, auf der Website des Energie-Manifests:

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Parteien stehen für ihre Kampagnen in der Regel sehr bescheidene Budgets zur Verfügung. Umso wichtiger wäre es darum, dass sie ihre Aktivitäten stringent bündeln. Auch nach dem Klimagipfel in Kopenhagen bleibt das Thema Energie weit vorne auf der Agenda - das müsste man nützen.

Wie eine Partei erfolgreich auf ihr wichtigstes Thema fokussiert, zeigt die Stadtzürcher SP. Sie verteilte diese Woche eine Broschüre in alle Haushaltungen. Die grafische Gestaltung ist gelungen, die Bilderwelt stimmig, jeder Satz passt, Emotionen werden geweckt. Und auf der Frontseite wird die Wohnungsnot mit Filzfinken thematisiert. Dieses Problem brennt vielen Menschen in Zürich auf den Nägeln. So punktet die SP bei der Basis - und darüber hinaus.

Thema: Bern (Kanton), Kampagnen, Parteien, Werbung, Zürich | Kommentare (1)

Wahlkampfblog: Heute dreijährig, wieder werbefrei und mit Hausregeln

Freitag, 22. Januar 2010 12:13 | Kommentare

Vor Jahresfrist stand die weitere Existenz des Wahlkampfblogs auf der Kippe: Aufgrund der chronischen Arbeitsüberlastung zog ich in Erwägung, ihn vom Netz zu nehmen. Bloggen macht Freude, fast nie zu bloggen hingegen sorgt bei mir für ein schlechtes Gewissen.

kuno_bund_rettung_200In der Phase von Januar bis Mai konnte ich dieses Blog nur stiefmütterlich pflegen. Das lag an der Rettungsaktion zugunsten der Berner Traditionszeitung “Der Bund”, ein unbezahltes Idealisten-Projekt, das weit mehr von meinen Ressourcen brauchte als ursprünglich eingeplant. Das Kampagnensujet (links) wollten übrigens diverse Fans kaufen. (Die gute Nachricht: Wir haben bei der letzten Büroräumungsaktion nochmals eine paar Plakate im Format A3 gefunden. Wer noch ein Plakat möchte, soll mir eine Mail schicken.)

Vom Juni an ging es wieder aufwärts, ich konnte bedeutend mehr Zeit in dieses Bonsai-Medium investieren. Und so flackern heute drei kleine Kerzen auf dem Kuchen.

Zum dritten Geburtstag gibt es ein paar Änderungen:

1.  Das Wahlkampfblog ist wieder werbefrei. Das hat einen triftigen Grund: Der Betreiber des Premium-Blog-Netzwerks “logcut” bezahlt seit nunmehr einem Jahr keine Beträge mehr für die Banner, die bis gestern hier geschaltet wurden. Das bedeutet eine Vertragsverletzung und entgangene Erträge. Alle meine Telefonanrufe und Mails, schliesslich auch ein eingeschriebener Brief blieben unbeantwortet. Anderen Blogbetreibern wie BloggingTom und Ignoranz ist es gleich ergangen.

2.  Am Ende jedes Postings scheinen nun ein paar gängige Icons auf. Die Beiträge können beispielsweise auch über andere Web2.0-Kanäle wie Facebook oder Twitter ins Netz geblasen werden.

3.  Es gilt hier neu ein paar Hausregeln zu beachten. Damit habe ich ein Instrument zur Hand, das Grenzfälle regelt. Die Printversion:

Wahlkampfblog: Die Hausregeln zum Herunterladen (PDF)

Das oberste Ziel dieses Blog bleibt eine gute Diskussionskultur. Das in vielen Foren und Blogs grassierende Diffamieren wird hier nicht Einzug halten. Ganz einfach deshalb, weil es nicht möglich ist, anonym zu kommentieren. Zumindest ich als Blogbetreiber will wissen, welche Personen hinter den Kommentaren mit einem Pseudonym stehen.

4.  In der Sidebar rechts habe ich eine neue Rubrik aufgenommen: Medienblogs. Seit längerem lese ich regelmässig mehrere davon und bin angetan vom Niveau, dem unabhängigen Ansatz und der Konstanz, die ihre Betreiber auszeichnen. Deren Arbeit ist umso wichtiger, weil es in den etablierten Medien keine Ressorts oder Spezialisten mehr gibt, die sich explizit mit den Medien selbst befassen. (Rainer Stadler von der NZZ ist die Ausnahme, und er macht seinen Job gut.)

Neu verlinkt sind deshalb: der Medienspiegel von Martin Hitz, Ronnie Grob, Bugsierer, Journalistenschredder sowie das Blog des Medienmagazins “Klartext“. Die Leute, die hinter diesen Medienblogs stehen, kenne ich mit einer Ausnahme nicht persönlich.

Schliesslich ein paar statistische Angaben: In den letzten drei Jahren publizierte ich hier 324 Postings, die 1755 Kommentare generierten. Mein Ziel, auch in Zukunft mindestens einmal pro Woche zu schreiben, bleibt unverändert.

Rückblick auf die beiden vorangegangenen Jubiläums-Postings:

- 22. Januar 2008
- 22. Januar 2009

Das Schlusswort zum Thema Bloggen hat David Bauer, preisgekrönter Jungjournalist, Blogger und Twitterer: “Wer jetzt noch schreibt, hat Ausdauer oder Erfolg. [...] Wer jetzt noch bloggt, der hat es geschafft. Oder ist wirklich nicht zu retten.”

P.S.  Ich finde: Kategorisierungen im Netz bringen nichts.

Thema: Blogosphäre & Web 2.0, Über dieses Blog | Kommentare (3)

Wahlen in Massachusetts: Ein klares Signal, aber kein Fanal für Barack Obama

Mittwoch, 20. Januar 2010 17:26 | Kommentare

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Bei Wahlen in den USA gibt es eine Konstante: Die Bundesstaaten an der Ostküste wählen traditionell demokratisch. Vor diesem Hintergrund ist der Sieg des Republikaners Scott Brown (Foto unten) in Massachusetts eine zünftige Überraschung.

scott_brown_senator1_250_apBrown löst den legendären Edward “Ted” Kennedy als Senator ab, der im August letzten Jahres an einem Hirntumor verstarb. Ted Kennedy, der jüngste Brüder von John F. Kennedy, war von 1962 bis 2009 - 47 Jahre lang! - Senator von Massachusetts gewesen. Er galt bis zu seinem Tod nicht nur als herausragende und glamuröse, sondern auch als die bestimmende Figur im Establishment der Demokraten. Sein Positionsbezug im innerparteilichen Wahlkampf zugunsten von Obama (und gegen Hillary Clinton) war ein wichtiger Faktor für den Sieg des jetzigen Präsidenten.

Nach dem Sieg Browns in Massachusetts setzt sich der 100-köpfige Senat neu aus 59 Demokraten und 41 Republikanern zusammen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Republikaner so erneut die wichtige Sperrminorität erreichen, dank der sie Reformen verschleppen und Gesetze verwässern können. In der europäischen Berichterstattung von heute ging weitgehend unter, dass das Kräfteverhältnis von 59:41 Sitzen wieder genau gleich aussieht wie vor Jahresfrist.

reprasentantenhaus_250_800px-111ushousestructuresvgDer Erfolg der Republikaner in einer demokratischen Hochburg ist für sie psychologisch wichtig. Er ist ein klares Signal, aber gewiss kein Fanal. Die allermeisten US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte hatten keine soliden Mehrheiten im Kongress hinter sich. Obama hat sie - noch.

Bei der amerikanischen Bevölkerung hat sich seit der elektrisierenden Party vor Jahresfrist Ernüchterung breit gemacht, sie merkt, dass Barack Obama kein Hexer ist. Die Stunde der Wahrheit schlägt für ihn aber erst am 2. November 2010. Dann finden die Wahlen für einen Drittel des Senats sowie für alle 435 Sitze des Repräsentantenhauses statt. Auch dort haben die Demokraten zurzeit mit 256 Sitzen eine klar Mehrheit (siehe Grafik, blau), die Repulikaner kommen auf 178 Sitze (rot). 1 Sitz ist im Moment nicht vergeben.

Das Kabinett von Barack Obama ist auf dem harten Boden der Realität gelandet. Der Titel der ganzseitigen Analyse in der NZZ von heute, genau ein Jahr nach dem Amtseid, tönt versöhnlicher als meine saloppe Formulierung: “Obama ist auch nur ein Präsident”.

Obama ist auch nur ein Präsident (PDF)

Nachtrag vom 21. Januar: Martin Kilian, Korrespondent des “Tages-Anzeigers”, ist in seiner Analyse über die Auswirkungen der Massachusetts-Wahl weit kritischer:

Den Demokraten droht der politische Kollaps (PDF)

Kartenausschnitt US-Ostküste: netstate.com
Foto Scott Brown: ap
Grafik Repräsentantenhaus: wikipedia.org

Thema: International | Kommentare (2)

Politik-Blogs auf einen Blick

Dienstag, 19. Januar 2010 22:41 | Kommentare

Wenn Medienschaffende recherchieren oder schreiben, greifen sie auf Wikipedia, Google, vor allem aber auch auf Swissdox oder die Schweizer Mediendatenbank (SMD) zurück. Die beiden letztgenannten Angebote sind nicht gerade günstig, für die Arbeit aber unerlässlich.

slug_buton1_20060125-slugbWenn ich schreibe - für andere oder für mich - ist ein weiterer Browser immer offen: slug.ch. Slug ist die grösste Suchmaschine für Schweizer Blogs, sie aktualisiert im 30-Minuten-Takt die Postings von rund 1′800 Blogs. Das erschliesst zusätzliche Quellen.

Inzwischen sind, so die Betreiber von slug.ch, bereits mehr als 600′000 Beiträge abrufbar. Die Lorbeeren für den Aufbau und den jahrelangen Betrieb von slug.ch gehören Benny Rüegg. 2005 hatte er als Privatperson seinen Blog-Aggregator lanciert, im letzten Herbst verkaufte er ihn an eine Firma im Baselbiet.

Bevor ich mich an ein neues Posting mache, verschaffe ich mir jeweils über slug.ch einen Überblick, was andere Bloggerinnen und Blogger zum Thema bereits publizierten. Das ist oft leidlich wenig, Politik bewegt die hiesige Blogosphäre selten intensiv.

Vor diesem Hintergrund finde ich die Initiative von Christian Schenkel, der jahrelang starke Gedanken ins Netz entliess, löblich. Er betreibt einen Aggregator für Politik-Blogs: aggregator.edemokratie.ch. Das ist zwar alles andere als neu, neuer ist das Design - und die Absicht, diese Plattform weiter auszubauen.

Dazu braucht es weitere Blogs, damit das Panoptikum erweitert werden kann. Wer sich schwerpunktmässig mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt, sollte seinen Blog also bei “eDemokratie” anmelden. Das hülfe, die Diskussion anzukurbeln und es motivierte vermutlich, selber regelmässiger zu schreiben oder zu kommentieren.

Angesichts der Entwicklung der etablierten Medien wird das unabhängige Denken und Schreiben der Micropublizisten im Netz wichtiger denn je. Die allermeisten Politiker haben immer noch nicht erkannt, welche Möglichkeiten ihnen ein langfristiges Engagement im Netz eröffnen würde. Es reicht eben nicht, bloss die letzten Monate vor einem Wahltermin regelmässig zu bloggen.

P.S. Ein feines Projekt, zudem liebevoll betreut, möchte ich hier nicht unterschlagen: Es ist die Blogbibliothek, die dieser Tage ihren ersten Geburtstag feiern konnte. Gerade wer Blogs pauschal unter “Bla-bla” abbuchen möchte, und das sind ja immer noch Heerscharen, findet dort sorgsam ausgesuchte Trouvaillen. Sich Zeit nehmen und reingucken.

Thema: Blogosphäre & Web 2.0, Politik national | Kommentare (6)

Einsichten und Zitate, die nachhallen (24) - heute: Bruno Ganz, Schauspieler

Mittwoch, 13. Januar 2010 10:09 | Kommentieren

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Grosser Bahnhof gestern Abend in Bern: Die Prominenz strömte herbei zur Première von “Der grosse Kater”. Mit von der Partie waren beispielsweise Hans-Rudolf Merz, Urs Gasche und Alexander Tschäppät. Allein die Nennung dieser drei Namen lässt erkennen, dass es um Politik gehen muss in diesem Film. Die Vorlage lieferte Thomas Hürlimanns gleichnamiger Roman aus dem Jahre 1998.

Hürlimanns Vater Hans war von 1974 bis 1982 Bundesrat. Um einen Bundesrat und allerlei Intrigen dreht sich auch der Film. In der Hauptrolle: Bruno Ganz. Politik ohne Intrigen gäbe es nicht, sagte er gestern vor der Vorstellung. Und:

“Wer Karriere machen will und nach Macht strebt, muss zwangsläufig moralischen Morast durchschreiten.”

Und wie hält es Bruno Ganz mit der oft geäusserten Meinung, dass Politik und Schauspielerei viel miteinander zu tun hätten?

“Politiker sind schlechte Schauspieler. Wenn es sein muss, sind sie einfach nur sehr gute Lügner.”

Kein Chronist notierte, wie die anwesenden Politiker auf diese Aussage reagierten.

Bruno Ganz, Schauspieler und Protagonist in “Der grosse Kater”

Quelle: “Der Bund”, 13. Januar 2010

Jean-Martin Büttners Text zur gestrigen Première gibt es hier.
Foto Bruno Ganz: filmmusik-siggimueller.com

Thema: Zitate | Kommentare (0)

Initiative “Köpfe statt Blöcke”: Die Stoss- richtung ist richtig, das Hauptmotiv bremst

Donnerstag, 7. Januar 2010 22:31 | Kommentieren

Bei den letzten Parlamentswahlen in der Stadt Bern war die BDP die grosse Siegerin. Im November 2008 erreichte die neu gegründete Partei aus dem Nichts 6 Sitze - ein fulminanter Start. Jetzt wagt sie sich bereits an eine Volksinitiative heran. Das verdient Respekt, Lehrgeld muss sie auch zahlen. Doch davon später.

Die BDP will das Wahlsystem für die Stadtberner Regierung ändern: vom Proporz zum Majorz. Ihre Volksinitiative lässt sich auf den eingängigen Slogan  “Köpfe statt Blöcke” eindampfen. Vor 20 Monaten publizierte ich im “Bund” einen Gastkommentar mit einem ähnlichen Titel:

Bern wählt Blöcke statt Köpfe (30. Mai 2008; PDF)

Dass das Proporzsystem Wahlen für die Exekutive ad absurdum führen kann, lässt sich im Kanton Bern seit vielen Jahren immer wieder beobachten. Das jüngste Beispiel: Für die fünfköpfige Exekutive in Köniz, nota bene die zwölftgrösste Stadt in der Schweiz, kandidierten nicht weniger als 29 Personen. Sechs Parteien traten mit Vierer- oder sogar Fünfer-Listen an, obwohl mehrere darunter kaum Aussichten auf nur einen Sitz hatten. So werden Exekutivwahlen zu verkappten Parlamentswahlen.

Von den 29 Kandidaten hatte etwa jeder Dritte Wahlchancen. Der überwiegende Rest zottelte mit. Als Stimmenfänger für die Ambitionierten. Der Partei zuliebe. Weil das zur Ochsentour gehört. Nicht wenige wollten aber auf gar keinen Fall gewählt werden. Das grenzt an eine Veräppelung der Wählerinnen und Wähler.

Bei Exekutivwahlen sollten die Persönlichkeiten im Vordergrund stehen, nicht die Parteifarbe oder gar ein unglaubwürdiges Zweckbündnis. Auch vor diesem Hintergrund finde ich die Stossrichtung der BDP richtig. Mit ihrer Initiative will sie insbesondere den RGM-Block im Stadtberner Gemeinderat, der seit 1992 die Mehrheit hat, brechen. (Für Nicht-Berner: Gemeinderat = Exekutive; RGM = Rot-Grün-Mitte, dazu zählen SP, Grünes Bündnis, GB und die Grüne Freie Liste, GFL)

Genau mit diesem Hauptmotiv handelten sich die Initianten allerdings einen “Bremser” ein. Es ist aufwändig, in einer rot-grünen Stadt mit der Parole “Wider Rot-Grün!” Unterschriften für eine nicht-populistische Initiative zu sammeln. Einfacher wäre es gewesen, mit der positiv konnotierten Aussage “für echte Persönlichkeiten statt Parteiblöcke” auf der Strasse zu werben.

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Bis Anfang Juli muss die BDP 5000 gültige Unterschriften beisammen haben, damit die Initiative zustandekommt. Das entspricht etwa 6 Prozent der Stimmberechtigten - prima vista eine tiefe Hürde. Allein: Es braucht eine gute Organisation und viel Stehvermögen, auf der Strasse für ein technokratisches Anliegen, das sich emotional nicht aufladen lässt, Unterschriften zu sammeln.

Die Lancierung von Unterschriftensammlungen wirkt auf Parteien in der Regel belebend. Ihre Mitglieder müssen “ad Säck”, Unterschriften stammen zu schätzungweise drei Vierteln von Strassenaktionen. Dabei kommen die Parteimitglieder in den Kontakt mit potenziellen Wählerinnen und Wählern. Das kann nur nützen - gerade vor einem baldigen Wahltermin. Am 28. März finden Regierungs- und Grossratswahlen statt.

Die Initiative “Köpfe statt Blöcke” ist zunächst parteiintern ein gutes Mobilisierungsvehikel. Ob sie zu mehr taugt - Reputation und Wählerstimmen zum Beispiel -, bleibt abzuwarten.

Mark Balsiger

Die aktuelle Berichterstattung in der Berner Presse von heute:

- Die BDP will Majorzwahl für den Gemeinderat (Berner Zeitung, PDF)
BDP will Parteienproporz abschaffen (Der Bund; PDF)

Weiterführender Hintergrund zum Thema:
- Eine Lanze für das Majorzsystem (wahlkampfblog, 29. Mai 2008)

Foto Unterschriftensammlung: swissinfo.ch

Thema: Bern (Kanton), Bern (Stadt), Parteien | Kommentare (1)

Schnappschuss des Tages (1) - heute: Pascal Couchepin, designierter Kolumnist

Dienstag, 5. Januar 2010 21:19 | Kommentieren

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Das Wahlkampfblog fokussiert seit jeher auf politische Themen, die selten leicht verdaulich sind, auch wenn ich mich bemühe, nicht alles tierisch ernst auszubreiten. Ab und an ein Häppchen “light” könnte also nichts schaden. Beim Fussmarsch durch die wirbelnden Schneeflocken kam mir eben die Idee: eine neue leichte Rubrik muss her.

Sie heisst Schnappschüsse. Inspiriert wurde ich nicht nur vom Schnee, sondern auch von Frau Chnübli. Sie pflegt einen süffigen Schreibstil und geizt nicht mit privaten Details - offensichtlich die richtige Mixtur für ein erfolgreiches Blog. Ihre Erkenntnis: Die Besucherinnen und Besucher wollen “vor allem Föteli aaluege”.

Hier sollen es originelle Fotos sein. Der Schnappschuss von Pascal Couchepin ist ein würdiger Auftakt für diese Rubrik. Der Alt-Bundesrat aus Martigny wird Kolumnist im “Forum” von Radio Suisse Romande. Jede zweite Woche ist er von nun an auf diesem Sender zu  hören.

Couchepin war nicht nur ein “animal politique” und Machtmensch, er ist vor allem auch ein Denker mit einem grossen Hinterland. Dass er diese Seite nach seiner langen politischen Laufbahn jetzt vermehrt und in der Öffentlichkeit anklingen lassen kann, ist nicht nur gut für ihn, sondern auch eine Bereicherung für die Westschweizer. Sie sind zu beneiden.

Foto Pascal Couchepin: keystone

Thema: Bundesrat, Romandie, Schnappschüsse | Kommentare (1)

Einsichten und Zitate, die nachhallen (23) - heute: Christoph Blocher, Alt-Bundesrat

Montag, 4. Januar 2010 22:10 | Kommentare

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“Ich wurde als Bundesrat abgewählt, weil ich alles richtig gemacht habe.”

Christoph Blocher,
Präsident der SVP des Kanton Zürich 1977 - 2003
Nationalrat 1979 - 2003
Bundesrat 2003 - 2007

Quelle: “Der Bund”, 4. Januar 2010
Den Artikel zum jüngsten Auftritt Blochers gibt es hier.

Foto Christoph Blocher: netzwertig.com/keystone

Nachtrag vom 9. Januar 2010:

Patrick Feuz, Bundeshauschef von “Bund” und “Tages-Anzeiger” befasst sich eingehend mit dem Phänomen Christoph Blocher:

Die Leute sagen mir: “Geben Sie nicht auf” (09.01.2010; PDF)

Nicht korrekt in Feuz’ Analyse ist die Jahreszahl: Blocher wurde 2007 abgewählt, nicht 2008.

Thema: Zitate | Kommentare (3)